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Computerspielsucht offiziell zur Krankheit erklärt

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Unter dem Motto „Vielfalt gewinnt“ als Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung fand vom 21. bis 25.8. die weltweit größte Messe für Computerspiele in Köln statt. Die „Gamescom“ – so heißt die Messe – feierte in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum mit 370.000 Besuchern und 1.037 Ausstellern.

Computerspiele erfreuen viele junge Menschen, aber zunehmend auch Erwachsene, sie sind längst aus der „Schmuddelecke“ zum Kulturgut aufgestiegen. Den­noch gibt es immer wieder Befürchtungen, dass gerade Kinder und Jugendliche zu viel spielen. Insbe­sondere Erwachsene haben immer ein großes Bedürf­nis, Kinder vor vermeintlich schädlichen Einflüssen zu schützen, vor allem auch dann, wenn sie selbst wenig bis gar keine Ahnung von oder Erfahrung mit elektro­nischen Spielen haben. Wenn ein Kind stundenlang ein digitales Spiel spielt, wird schnell von „Sucht“ ge­sprochen, aber wenn ein Kind stundenlang ein ge­drucktes Buch liest, gibt es keine Forderungen nach Zeitbegrenzungen oder gar Vorbeugemaßnahmen.

Im Juni 2018 erklärte die Weltgesundheitsorgani­sation WHO Computerspielsucht bzw. offiziell im ICD (International Classification of Diseases) Gaming Disorder – zu einer Krankheit. Als Kriterien für die Diagnose gelten: entgleitende Kontrolle beim Spielen hinsichtlich Häufigkeit und Dauer; komplette Ver­nachlässigung anderer Aktivitäten und Weitermachen trotz negativer Konsequenzen.

Ärzte begrüßten diese Entscheidung, weil man nun therapieren kann. Hilflose Eltern, die den Medienkon­sum ihrer Kinder nicht mehr kontrollieren können, versprechen sich jetzt Hilfe bei der Medienerziehung. Wissenschaftler jedoch sehen die Gefahr des Miss­brauchs solcher Diagnosen und befürchten die Ver­kennung der eigentlichen Ursachen exzessiven Spie­lens. Sie kritisieren öffentlich das vorschnelle Handeln der WHO, da eine gravierende Forschungslücke be­steht, die eine Rechtfertigung für die Klassifizierung erlauben würde. In der Forschung gibt es bislang keinen Konsens über Abhängigkeit, Symptome oder Indikatoren. Zumal stellt sich auch die Frage, wie man bei dieser Forschungslage „Gaming Disorder“ über­haupt definieren will. Und wie will man sie be­handeln, wer soll es machen, wer ist dafür überhaupt ausgebildet?

Mit den wenigen Vorgaben der WHO und dem dürftigen Wissen über Computerspielsucht ist eine Pathologisierung von normalen Spielern zu befürch­ten. Kritiker warnen sogar davor, dass - überspitzt formuliert - diese Diagnose missbraucht werden könne für die Generierung neuer Patienten, mit denen man viel Geld verdienen kann, so SPIEGEL ONLINE.

www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/who-erklaert-online-spielsucht-offiziell-zur-krankheit-a-1212865.html

Niemand bestreitet, dass es Computerspielsucht gibt, in der Mainzer Universitätsklinik gibt es bereits eine Ambulanz für Internet- und Computerspielsucht, nur fehlen bislang Forschungsergebnisse, die für die Diag­nose und Therapie ausreichende Grundlagen bieten. Forschungen haben nämlich auch gezeigt, dass oft andere Ursachen, wie beispielsweise Depressionen oder soziale Angststörungen, zu exzessivem Spielver­halten führen.

Auf der Website psyarxiv.com/kc7r9 haben englische Wissenschaftler die Forschungslage zusam­mengetragen und begründet, warum die Entschei­dung der WHO als problematisch zu erachten ist. Leider ist der Text nur in Englisch vorhanden.

Viel wichtiger als die Panikmache ohne wissenschaft­liche Fundierung ist die Aufklärung über Computer­spiele und ihre Faszination für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Hier gibt es bereits gute Ange­bote der Stiftung Medienpädagogik Bayern und der Bundeszentrale für Politische Bildung. Und oft können gerade Kinder und angehende Teenager Erwachse­nen kompetent zeigen, was denn so viel Spaß an dem Spiel macht, dass man gar nicht aufhören möchte. Nur leider haben zu wenige Erwachsene Interesse daran.

Sabine Jörk, EAM-Vorsitzende

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Kind sitzt vertieft vor dem Laptop
Quelle: Stephanie Hofschläger / pixelio.de