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Des Erinnerns wert

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Die Kommission für Kinderschutz und Jugendfürsorge

Im Handbuch zur Frauenfrage, 1908 vom DEF heraus­gegeben, werden neun Arbeitskommissionen des Bundesvorstandes aufgelistet. Die für Kinderschutz und Jugendfürsorge rangiert unter Nummer V. Als Leiterin wird Fräulein M. Dittmer in Berlin genannt, wohin die im Januar 1906 in Hannover gegründete Kommission zum 1. Oktober 1907 verlegt worden war. 44 Damen aus den Ortsgruppen arbeiteten in der Kommission mit und tauschten ihre Erfahrungen aus. Schon seit seinem Bestehen hatte sich der Verband mit der Kinderschutzfrage beschäftigt, denn sie berührte viele Gebiete der praktischen Arbeit. Etwa in der Waisenpflege, der Fürsorge für Säuglinge und kranke Kinder, beim Einsatz für Halte- und Ziehkinder, der Errichtung von Kleinkinderschulen, Spielplätzen, dem Betreiben von Kinderheimen oder Kindervolksküchen. Es waren mannigfache Arbeits­felder.

So erstaunt es nicht, dass beim starken Anwachsen des Verbandes und zunehmender Bedeutung des Kinderschutzes und der Jugendfürsorge den Orts­gruppen Hilfestellung seitens des Gesamtverbandes gegeben werden musste, zumal es lokal recht unter­schiedliche Voraussetzungen gab, etwa zwischen Groß- und Kleinstädten, aber auch den unterschied­lichen Ländern innerhalb des Reiches.

Die Kommission verschaffte sich zunächst durch Abfrage der örtlichen Gegebenheiten einen Über­blick und formulierte für den Bundesvorstand Vor­schläge zur Verbesserung der Situation, formulierte Petitionen. Auch wenn jene Jahre vorbei waren, in denen es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur „als gerechtfertigt“ angesehen wurde, sondern man „lobend hervorhob“, dass in der Tuchmanufaktur in Yorkshire „Kinder schon mit 4 Jahren imstande seien, ihren Lebensunterhalt zu erwerben“, so gab es auch hundert Jahre später durchaus gewerbliche Kinder­arbeit. Die inzwischen eingeführten gesetzlichen Bestimmungen wurden nicht immer eingehalten, auch wenn sich seit Einführung der Arbeitskarten die Situation gebessert hatte. Doch auf dem Gebiet der Heimarbeit ließ sie sich nach wie vor kaum kontrol­lieren und war zudem in etlichen Familien dringend nötig, um eine kinderreiche Familie auch nur notdürf­tig über die Runden zu bringen. Von den gesundheit­lichen Schäden etwa bei der Herstellung von Bleisol­daten in der Spielzeugindustrie, einem Hauptzweig der Heimarbeit, oder in der Beschäftigung in der Zigarrenfabrikation ganz zu schweigen. Für Boten­gänge etwa beim Zeitungszustellen, dem Austragen von Frühstücksbrötchen und Milch wurden Kinder gern verpflichtet. Das führte dann oft dazu, dass sie in der Schule übermüdet und unaufmerksam waren. Verantwortungsbewusste Lehrer sorgten dann wohl dafür, dass den Kindern die Arbeitskarte entzogen wurde. Das grundsätzliche Problem allerdings wurde damit nicht gelöst. Gegen eine mäßige Beschäfti­gung etwa im Gartenbau oder beim Botengang gab es auch keine Einwände, doch freies unbeschwertes Heranwachsen war in einer solchen Situation kaum gegeben.

So war die Einrichtung von Horten für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren, „denen es an genügender häuslicher Aufsicht mangelt und die dadurch in Gefahr stehen zu verwahrlosen“, ein Anliegen des DEF. Vorsorgende und bewahrende Fürsorge war in jenen Jahren ein bis dahin unbekannter Aspekt.

Bei all den Aktivitäten war es wichtig, einen guten Kontakt zu den Behörden aufzubauen. An einigen Orten gelang das problemlos, an anderen aber war es schwierig, wenn die städtischen Beamten das Heft nicht aus der Hand geben wollten, zumal an Frauen, die doch nach damaliger Vorstellung nicht als gleich­wertige oder gar kompetente Persönlichkeit aner­kannt wurden. Zwar hatte die Neufassung des BGB einige Härten und Ungerechtigkeiten gegen Frauen kürzlich neu geregelt, doch wurden sie in der Praxis oft nicht umgesetzt. Eine dieser Neuregelungen war, dass es Frauen nun möglich war, Pflegschaften und Vormundschaften zu übernehmen. Hier und da wurde den Damen des DEF sogar ein Vorschlagsrecht eingeräumt.

Auf das in Hannover praktizierte Verfahren wurde mit dem Hinweis, es zur Nachahmung aufzunehmen, berichtet: „Seit Juni 1906 ist der Vorsitzenden der Waisenpflegerinnen im Rathaus (Armen-Amt) ein Bureau zur Verfügung gestellt, auf welchem sie täglich ihre Arbeits- und Sprechstunde abhält einmal um die Arbeit zu zentralisieren, andererseits um den persönlichen, mündlichen Verkehr mit der Behörde zu erleichtern, dem Geschäftsgange einen großen Teil des sonst erforderlichen Bureaukratismus zu nehmen und die Beschleunigung dringender Fälle zu ermöglichen.“ Die Ortsgruppe war verpflichtet, der Stadt stets die erforderliche Anzahl an Waisenpflege­rinnen zu stellen. Sie lag 1906 bei 100 Personen. Da war eine Organisation natürlich notwendig, und folgerichtig wurde die Stelle vom Magistrat schon bald zu „einer besoldeten gemacht“ und alle städtischen Waisenpflegerinnen waren dieser Zentra­le unterstellt. Andere Städte folgten diesem Beispiel.

In kleineren Orten jedoch war meistens ein Beamter des städtischen Waisenrates, oft der Vorsteher des Armen- und Armenkrankenhauses, der alle städti­schen Unterstützungen verteilte, zum Generalvor­mund aller Armenmündel ernannt. Er führte dann auch die Prozesse, um die Alimente einzutreiben, und brachte die Kinder bei Ziehmüttern unter. Zur Beaufsichtigung der Kinder und Zieheltern standen Waisenpflegerinnen ihm zur Seite. In anderen Orten war die Generalvormundschaft auf alle unehelich geborenen Kinder ausgedehnt. Es gab aber auch Städte, in denen das Vormundschaftsgericht Kinder direkt den DEF-Damen zuwies, besonders dort, wo die Sorge und Betreuung von Waisenkindern vom DEF initiiert worden war.

Ganz eng verbunden mit diesem Themenbereich war die Stellung des unehelich geborenen Kindes, „das unter so ungünstigen Bedingungen ins Leben“ getre­ten war, es musste „nach Möglichkeit rechtlich ge­schützt werden“. Die Fürsorge und Besserstellung des unehelichen Kindes und auch die Versorgung etwa der Kriegswaisen, wo man das uneheliche dem ehelichen Kind gleichstellen wollte, trafen jedoch auch auf scharfe Kritik bei Mitgliedern des Verbandes. Vom „Untergraben aller sittlichen Begriffe“ war die Rede und einer „wilden Ehe Vorschub“ zu leisten oder „allen christlichen Auffassungen hohnsprechender Begriffs­verwirrungen“. Da war - wie man sieht - noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten, bis das von Margarete Dittmer ihren Ausführungen vorangestellte Zitat von Jean Paul verwirklicht sein würde: „Schaffet die Tränen der Kinder ab! Das lange Regnen in die Blüten ist so schädlich.“

Halgard Kuhn

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Frontansicht mit Schwestern der Frauenmission Malche und Kindern; Kinderheimat, Kirchrode, Träger: Deutscher Evangelischer Frauenbund, Ortsverband Hannover; Quelle: AddF
Kinder beim Flötenspiel. Margaretenhort, Harburg, Träger: Deutscher Evangelischer Frauenbund, Ortsverband Harburg, Bildquelle: AddF