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Des Erinnerns wert

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Die Mitgliedschaft des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes im Bund Deutscher Frauenvereine von 1908 bis 1918
Im Rückblick auf die ersten 20 Jahre des DEF unterteilte die Vorsitzende Paula Mueller in der aus diesem Anlass herausgegebenen Festschrift die Entwicklung des Verbandes in drei Phasen. In den ersten zwei Jahren von 1899 bis 1901 sei man mit der Organisation beschäftigt gewesen, und nach der Verlegung des Sitzes vom Gründungsort Kassel nach Hannover seien die folgenden sieben Jahre dem Ausbau gewidmet gewesen bis zum Jahre 1908, in dem der Anschluss an die allgemeine Organisation der deutschen Frauenbewegung, den Bund Deutscher Frauenvereine, vollzogen wurde. Es folgte somit "die Zeit von 1908 bis 1918, in der gemeinsam mit dem Bund Deutscher Frauenvereine gearbeitet wurde."
Der DEF hatte lange gezögert, sich dem Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), jenem Zusammenschluss eines weiten Spektrums von für die Frauenbewegung engagierten Vereinen beizutreten, da das in kirchlichen und konservativen Kreisen nur schwer zu vermitteln war. Andererseits musste er sich aus Kreisen der Frauenbewegung den Vorwurf anhören, sein Engagement für die Verbesserung der Lage der Frauen einzutreten, sei unglaubwürdig. Im BDF war man interessiert an diesem inzwischen mitgliederstarken Verband und seinen angeschlossenen Vereinen, um den rechten Rand innerhalb des BDF zu stärken. Viele Projekte konnten nun gemeinsam in Angriff genommen und zum Wohl der Frauen durchgefochten werden.
Bruch mit dem BDF
Doch dann kam es im März 1918 zum Bruch und zum Austritt des DEF aus dem Dachverband, der auf der 11. Generalversammlung in Hannover mit großer Mehrheit beschlossen worden war. Gleichzeitig legte Paula Mueller ihr Mandat im engeren Vorstand des BDF nieder, in den sie 1916 gewählt worden war.
Was war geschehen, fragt man sich heute erstaunt? Seit Kriegsbeginn 1914 arbeiteten in vielen Städten die unterschiedlich geprägten Frauenvereine im Nationalen Frauendienst hervorragend und in gegenseitigem Respekt zusammen. Wollte man das aufs Spiel setzen? War keine Verständigung möglich?
Der Konflikt hatte sich an den unterschiedlichen Standpunkten beim politischen Stimmrecht entzündet. Hier vertrat der DEF einen von der Mehrheit der Frauen in der bürgerlichen Frauenbewegung abweichenden Standpunkt, der seit dem Eintritt in den BDF bekannt und in einer Sondervereinbarung geregelt worden war. Ähnlich wie im Mutterland der Demokratie, in England, wollte der DEF zunächst Mitspracherecht im kommunalen und kirchlichen Raum erlangen, um "selbständige, selbstverantwortliche Mitarbeit der Frau bei allen Behörden und Kommissionen, deren Tätigkeit in das Frauenleben eingreift," lehnte es aber ab, sich für das politische Stimmrecht in 'Staat und Reich' zu engagieren, da man der Meinung war, dazu sei 'die Frau' noch nicht ausreichend geschult. In der Tat waren damals auch viele der eigenen Mitglieder nicht wirklich an politischen Fragestellungen interessiert, sahen ferner im Erhalt des Stimmrechts keineswegs ein Allheilmittel zur Lösung der vielen Aspekte der sogenannten 'Frauenfrage'.
Beim Eintritt in den BDF 1908 war dieser Standpunkt des DEF bekannt und es war ausdrücklich vereinbart, dass das respektiert wurde. Als dann der BDF 1912 in einer Denkschrift bezüglich des nun nachdrücklich geforderten politischen Stimmrechts für Frauen den Eindruck erweckte, dass das allgemeiner Konsens sei, entstand nicht nur Irritation und Verunsicherung in den Ortsgruppen des DEF, sondern löste eine heftige, wahrlich bösartige und polemische Pressekampagne konservativer Kreise gegen den DEF und seine Vorsitzende aus. Besonders in kirchlichen Kreisen war kaum zu vermitteln, dass der DEF seine Eigenständigkeit bewahrt hatte und sich an die beim Eintritt vereinbarte Absprache gehalten hatte - im Gegensatz zur Vorsitzenden des BDF, nun Gertrud Bäumer, die offenbar den Spagat des DEF zwischen Kirche und Frauenbewegung nicht richtig einschätzte, sich leider auch nicht öffentlich, sondern nur in einem Brief dafür entschuldigte, dass sie die Absprache mit dem DEF beim Eintritt in ihrem Vortrag unerwähnt ließ.
Es gab damals eine zunehmende Radikalisierung innerhalb der Frauenbewegung, die das Frauenstimmrecht in den Fokus stellte, ferner eine antiemanzipatorische Gruppierung, die den Konflikt genüsslich aufgriff.
"Es war keine leichte Zeit. Sie war es auch aus dem Grunde nicht, weil sie bewies, daß die evangelische Frauenbewegung in manchen christlichen Kreisen noch wenig wahres Verständnis gefunden hatte. ... Mit der selbständigen und selbstverantwortlichen Frau gemeinsam für das Wohl ihres Geschlechtes eintreten, das zu tun - lehnten viele ab. Die Zeit ist auf diesem Punkt Lehrmeisterin geworden," resümiert Paula Mueller 1919.
Schaut man einmal auf die lange Liste der vom DEF versandten Eingaben, so dokumentieren sie ein-drucksvoll, wie früh und oft mehrfach anmahnend sich der Verband für die Anerkennung und die Einbe-ziehung von Frauen in der Arbeitswelt einsetzte:
1902: An den Reichstag betr. aktives und passives Wahlrecht zu den Kaufmannsgerichten
1905: An den Reichstag betr. Wahlrecht zu den Arbeitskammern, (erneut 1908)
1918: An den Minister für Handel und Gewerbe, bei der Neuregelung des Handelskammerwesens den im Handel tätigen Frauen dieselben Rechte und Pflichten wie ihren männlichen Berufsgenossen zu gewähren.
Eingaben und Petitionen hielt der Verband für einen guten Weg, ferner die Mitarbeit in Gremien und Kommissionen, in die viele von ihnen berufen worden waren.
Auch nach dem Ausstieg blieben die Kontakte bestehen, man tauschte die Publikationen aus und nahm wechselseitig an Veranstaltungen teil, saß in vielen Gremien gemeinsam. Und wenige Monate später kam das Frauenstimmrecht durch die neue Verfassung in der Weimarer Republik - rief in die Pflicht zu Wahl und zu Kandidatur.
Lassen wir Paula Mueller noch einmal zu Wort kommen, die über die zehnjährige Zusammenarbeit schrieb: "In anderen Fragen aber, so vor allen Dingen in Organisationsfragen, in der Sittlichkeitsfrage, den Bildungsfragen, der Dienstbotenfrage, im Arbeiterinnenschutz, in der Bevölkerungspolitik konnte ein für die Allgemeinheit ersprießliches Zusammenwirken erzielt werden, und der Deutsch-Evangelische Frauenbund verdankt der Zeit seiner Zugehörigkeit zum Bund Deutscher Frauenvereine manch wertvolle Anregung und persönliche Bereicherung."
Halgard Kuhn

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Frühe Abgeordnete der DNVP, darunter Paula Mueller-Otfried (1. Reihe ganz rechts) - Bundesarchiv, Bild 183-2001-1119-506 / CC-BY-SA 3.0