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Des Erinnerns wert

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Wahlrecht heißt für den DEF Wahlpflicht

Die Weimarer Republik brachte in ihrer Verfassung erstmals das Wahlrecht für Frauen. Die Repräsentan­ten des Volkes wurden auf vier Jahre in den Reichstag in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl durch die über 20 Jahre alten Männer und Frauen nach dem Grundsätzen des Verhältniswahlrechts gewählt und der Reichspräsident – anders als heute der Bundespräsident – auf sieben Jahre unmittelbar vom Volk. Ferner gab es den Reichsrat als Vertreter der Länder, in denen bei Kriegsende die Fürsten auch abgedankt hatten und nun demokratische Verfassun­gen eingeführt worden waren.

All dies wurde nach der Kapitulation recht zügig in die Wege geleitet unter ständigen Tumulten und Aufständen überall im Land. Oftmals legten General­streiks das öffentliche Leben lahm. Die in der Über­gangsphase eingesetzten sechs Volksbeauftragten sahen sich gezwungen, das alte Militär zur Hilfe zu holen, um einen drohenden Bürgerkrieg zu verhin­dern. Dass all diese Vorgänge von den Siegermäch­ten genau beobachtet wurden und sich auf die noch nicht abgeschlossenen Friedensverhandlungen aus­wirken würden, versteht sich. Erst am 28. Juni 1919 wurde der Versailler Vertrag unterzeichnet und löste erneut heftige Unruhen aus.

Wie konnte jemand - wie konnte eine Frau - in einer solch brisanten Situation auf die Idee kommen, für den Reichstag zu kandidieren und andere zur Wahr­nehmung des aktiven und des passiven Wahlrechts aufzurufen, zudem in einer von ihr abgelehnten sozialdemokratischen Republik?

Da war eine gute Portion protestantischen Pflicht­bewusstseins im Spiel, aber auch die Hoffnung, die Dinge möglichst bald zurückdrehen zu können und auch noch schlimmere Entwicklungen oder gar die Verstaatlichung und Enteignung - wie 1917 in Russ­land geschehen - verhindern zu können.

Was nach Kehrtwende aussah, war in Wahrheit strin­gent, denn die Punkte, die zehn Jahre zuvor im DEF zu jener abweichenden Haltung bezüglich des politischen Wahlrechts geführt hatten, waren hier erfüllt und der Einwand „der noch vielfach mangeln­den Reife der Frauen“ traf für die Frauen des DEF selbst schon lange nicht mehr zu, für die leitenden Frauen war es nie zutreffend gewesen. So konnte, so musste man nun zur Wahrnehmung des Wahlrechts und zur aktiven Beteiligung in Stadt-, Kreis-, Provinz- und Landesparlamenten ermutigen. Viele Mitglieder wurden auch gewählt und etliche - so auch die Bun­desvorsitzende Paula Mueller - zogen in den ersten Reichstag ein, der Frauen diese Möglichkeit eröffnete. Die Wahlbeteiligung der Frauen lag bei ca. 80 Pro­zent, die Frauenquote bei 9,6 Prozent.

Ein weiteres, nicht unwesentliches Anliegen für Paula Mueller und ihren Mitstreiterinnen war der Wunsch, christliche Werte in der Politik zu vertreten und beim Wiederaufbau des daniederliegenden Vaterlandes mitzuwirken. Schon vor Kriegsende hatte der DEF um Mitarbeit für die spätere Friedensarbeit geworben und das mit Erfolg. So können 2019 etliche Ortsver­bände auf ihre Arbeit seit hundert Jahren zurück­schauen. Auch die nach dem Austritt des DEF aus dem Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) erfolgte Zusammenarbeit in der Vereinigung der evangeli­schen Frauen hatte insgesamt eine verstärkte protes­tantische Einflussnahme möglich gemacht.

Schon im Januar 1919 hielt Paula Mueller in Hannover ein Referat zur 'Trennung von Kirche und Staat'. Darin wies sie auf das Verschwinden christ­licher Werte und Traditionen in einer zunehmend säkularen Welt hin, in der es Bestrebungen gäbe, die christliche Feste durch heidnische wie Sonnenwend- und Erntefeiern zu ersetzen, christliche Friedhöfe in den Besitz des Staates zu übernehmen und manches mehr. Auch die Abschaffung des Religionsunterrichts in der Schule wurde diskutiert.

Die Politisierung des Lebens brachte viele neue Auf­gaben und betraf hautnah die praktische Arbeit, da etliche gesetzliche Änderungen im Raum standen und Neuorientierung verlangten. So war es einfach konsequent und folgerichtig, sich in die Parlaments­arbeit einzubringen, wo man hoffte, effektiver auf die Gestaltung des Lebens Einfluss nehmen zu können als durch Eingaben und Petitionen, die oftmals nur freundlich zur Kenntnis genommen, nicht aber in die praktische Umsetzung einflossen.

Unter diesem Aspekt muss man wohl die kritische Bemerkung von Paula Mueller in ihrem Beitrag 'Zwanzig Jahre Deutsch-Evangelischer Frauenbund' lesen. Nach einem Dank an die Ortsgruppen für ihren Einsatz schreibt sie dort, sei „unendlich viel für die Linderung von Not und Elend geleistet, viele Sorgen von Frauen erleichtert, im Sinne der sozialen Versöh­nung gewirkt“ worden. „Unser Bund und unsere Orts­gruppen sind nicht schuld daran, daß die sozialen Gegensätze sich in Deutschland so verschärfen konn­ten, daß sie zur Revolution führten. Wären unsere Vorschläge zur sozialen Reform und für die Stellung der Frau gehört, so würde manch gewaltsamer Um­sturz, der nun unheilvolle Erschütterungen mit sich bringt, manche Bitterkeit vermieden und der Weg einer gesunden Entwicklung eingeschlagen sein.“

Auf diesem Weg nun voranzuschreiten, erhofften sich die Frauen für die Zukunft durch ihr Engagement und - wie es in den neuen Richtlinien 1919 formuliert wurde – mitzuhelfen, „zur Gesundung und Erstarkung des deutschen Volkes beizutragen und die deutsche Zukunft mit zu bauen.“ Da konnte Resignation nicht der Weg sein, sondern die Wahrnehmung von Pflich­ten. Daher war Wahlrecht gleichzeitig Wahlpflicht.

Halgard Kuhn

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Bildquelle: AddF, Kassel, NL-K-16;G-63