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Des Erinnerns wert

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Veränderte politische und soziale Situation in der Weimarer Republik

Noch im November 1918 formulierte der DEF Richt­linien für seine Arbeit, die durch den verlorenen Krieg, das Ende der Monarchie und die Ausrufung der Republik unter sozialdemokratischer Führung „Um­wälzungen im deutschen Staate“ gebracht hatten und das „gesellschaftliche Zusammenleben“ sowie für „die bisherige Arbeit der Frauenvereine eine starke Er­schütterung“ verursacht hatten. Man wolle sich „auf den Boden der bestehenden Tatsachen“ stellen und „mitarbeiten, um Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten.“ Gleichzeitig rief man die Frauen auf und ermutigte sie, die „ihnen zugewiesene Wahlpflicht“! auszuüben, ohne zu parteipolitischen Kämpfen Stel­lung zu nehmen, aber sehr wohl jene Parteien zu stützen empfahl, die „eintreten für die Erhaltung eines starken deutschen Volkstums und deutscher Sitte, für die Aufrechterhaltung von Christentum und geisti­gen Gütern, für die Erhaltung der Volkskirche und christlicher Jugenderziehung, für den Fortbestand von Privateigentum und Privatwirtschaft.“

All diese Punkte sah man durch die sozialdemokra­tischen und sozialistischen Bestrebungen bedroht.

Neben seiner „bisher geübten Tätigkeit für Kinder­schutz, Jugendpflege und Jugendfürsorge“ werde der Verband „seine soziale Arbeit und seine Wohl­fahrtspflege besonders auf alle durch die Umwälzung hilfs- und schutzbedürftig gewordenen Frauen und Volksschichten“ konzentrieren. Das allerdings war nun­mehr erheblich erschwert in einer säkularisierten Welt „durch behördliche Organisation“ ausgeführt, die pri­vate und kirchliche Träger mehr und mehr zurück­zudrängen bestrebt waren. Es entstand eine wenig erfreuliche Konkurrenzsituation, der auch der DEF sich stellen musste.

So führte die tiefgreifende Veränderung der Gesell­schaft nach dem verlorenen Krieg naturgemäß zu Reflexion der eigenen Position. Paula Mueller konsta­tierte: „Ich persönlich bekenne, daß ich früher, viel im Ausland lebend, mit ausländischen Freunden ver­kehrend, nicht viel darüber nachgedacht habe, was dem Deutschen sein Vaterland bedeutet. In dieser Zeit der Schmerzen aber ist es mir offenbar gewor­den.“ In der Tat hatte der Verband in seiner Arbeit immer auf die Bedeutung des evangelischen Stand­punkts innerhalb der Frauenbewegung hingewiesen, hingegen „deutsches Fühlen und Wesen“ nicht be­sonders artikuliert. Das wurde nun nachgeholt in einem Ausmaß, das uns heute befremdlich anmutet und nur aus der damaligen Situation heraus nach­vollziehbar sein kann und sollte.

So lautet der zweite Absatz der Richtlinien für die Arbeit von 1919:

„Der Deutsch-Evangelische Frauenbund, die evange­lische Gesinnungs- und Arbeitsgemeinschaft der deut­schen Frauenbewegung, biete den deutschen Frauen diesen Zusammenschluß zur Wahrung und Verbrei­tung evangelischer Ueberzeugung und deutscher Gesinnung, zur Vertretung der Fraueninteressen, zur Mitarbeit an den den deutschen Frauen aus der Not des deutschen Volkes erwachsenen Aufgaben. Dafür will er die Frauen aller Volksschichten sammeln und sie zur Anteilnahme am öffentlichen Leben in Kirche, Staat und Gemeinde ermutigen und ausrüsten. Er will veranlassen, bewußt als evangelische und deutsche Frauen zu wirken.“  

Diese Überbetonung von Deutschtum erscheint heute befremdlich, muss jedoch aus der Zeit heraus beur­teilt werden und den geschichtlichen Zusammen­hang nach dem verlorenen Krieg und den noch nicht abgeschlossenen Friedensverhandlungen mit den Siegermächten im Blick behalten. So war der Verband gezwungen, seine Position zu überdenken und anzu­passen.

„Der Deutsch-Evangelische Frauenbund tritt insbeson­dere ein für:

-     eine von weltlichen Behörden unabhängige selb­ständige Volkskirche als öffentlich-rechtliche Körper­ schaft;

-     Pflege der geistigen Werte und Güter des deutschen Volkes;

-     Freiheit der Person und des Gewissens;

-     Heilighaltung von Ehe und Familie, Forderung glei­cher sittlicher Reinheit von Mann und Frau;

-     Wahrung des Einflusses der Familie auf die Erzie­hung und Bildung des Kindes in Haus und Schule;

-     evangelischen Religionsunterricht als Pflichtfach im Rahmen des Schulplans (ohne Zwang für die Lehren­den);

-     Pflege der Charakterbildung und des vaterländischen Sinnes in der Schule;

-     Pflege des Verantwortungsgefühls der Frau für ihre Aufgaben in Familie und öffentlichem Leben;

-     Wertung der Frau als selbstverantwortliche mitbe­stimmende Persönlichkeit im öffentlichen Leben, amtliche und ehrenamtliche Mitarbeit der Frau;

-     Stärkung des Fraueneinflusses in Staat und Gemein­de, Kirche und Schule;

-     Vorbildung für den Pflichtenkreis der Mutter;

-     Vorbildung der Frau für ihren Pflichtenkreis in der kirchlichen Gemeinde;

-     Vorbildung der Frau für ihren Pflichtenkreis als Staatsbürgerin;

-     gründliche hauswirtschaftliche Ausbildung der Frau;

-     vollwertige Allgemeinbildung und vertiefte Berufs­bildung der Frau;

-     Schulung von Sozialbeamtinnen und Sozial­arbeiterinnen im Geiste evangelischen Christentums;

-     Erschließung solcher Berufe für die Frau, in denen sich ihre besonderen Kräfte und Gaben erweisen können;

-     den Grundsatz: gleicher Lohn für gleiche Arbeits­leistung;

-     eine gesunde, den wirtschaftlichen Verhältnissen entsprechende, allen Ständen gerecht werdende Sozialpolitik, Schutz der Heimarbeit;

-     Erhaltung des Privateigentums innerhalb eines sozial ausgestalteten Wirtschaftslebens;

-     Fürsorge für wirtschaftlich schwache Bevölkerungs­kreise, besonders hilfs- und schutzbedürftige Frauen;

-     Beseitigung der die Frauen und Kinder schädigenden gesetzlichen Bestimmungen;

-     eine vom christlichen Geist getragene Bevölkerungs­politik;

-     Bekämpfung der Unsittlichkeit in jeder Erscheinungs­form, der Reglementierung und Kasernierung des Lasters;

-     Bekämpfung der Trinksucht;

-     Gesetzliche Wohnungspflege und Bekämpfung der Wohnungsnot.“

Die soziale Arbeit ging weiter und wurde in den Nachkriegsjahren unter sehr schwierigen Bedingun­gen um die sogenannte Mittelstandsfürsorge ergänzt. Geldentwertung und Inflationsjahre erforderten viele neue Aktivitäten, die mit erstaunlichem Ideenreich­tum Abhilfe für die größten Notlagen durch Geld­spenden, Lebensmittel- und Kleiderausgabe und Hilfestellung bei Arbeitsbeschaffung aufgenommen wurden.

So kann man rückblickend trotz veränderter Ver­hältnisse die Grundzüge und Motivation der DEF-Arbeit ausmachen, die im Handbuch zur Frauenfrage 1908 wie folgt formuliert wurden: „Die Arbeit an den sozialen Schäden unserer Zeit, die Hebung des Frau­engeschlechts nach der wirtschaftlichen, beruflichen, rechtlichen und sittlichen Seite, das Eintreten in die Frauenbewegung bewusst beeinflusst zu sehen von ihrer religiösen Überzeugung, ihrer christlichen Welt­anschauung.“ Auch gilt bis heute, was 1921 über die Grundsätze und Aufgaben gesagt wurde. „Wir wollen prüfend an alles herantreten, ob es auch unter verän­derten Verhältnissen noch gelten, noch fortbestehen kann. Wir wollen Evolution … und Neues gestalten, aber nicht ohne Erfahrung, nicht ohne Lehren der Vergangenheit zu beachten und zu befolgen ...“, denn Zukunft braucht Geschichte, aus der wir lernen können, wenn wir bedenken, welcher Wandel in der Zwischenzeit stattgefunden hat.

Halgard Kuhn 

 

 

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Bildquelle: Bundesarchiv, CC-BY_SA 3.0