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Des Erinnerns wert

|   Aktuelles

Auguste Jorns (1877-1966)
– Leiterin des Christlich-Sozialen Frauenseminars des DEF

Vor hundert Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, legte der DEF die Leitung seines Christlich-Sozialen Frauen­seminars in die Hände einer bezahlten Lehrkraft. Man hatte dazu die aus Hannover stammende Volkswirtin Dr. Auguste Jorns gewinnen können. Die 1905 vom Bundesverband des DEF in Hannover eröffnete Aus­bildungsstätte für soziale Berufstätigkeit stand inzwi­schen auf einer soliden Grundlage und die in ihr ausge­bildeten Schülerinnen fanden überall große Anerken­nung. Ihnen eröffneten sich zahlreiche zuvor unbe­kannte Arbeitsgebiete in dem weitgefächerten Feld sozialer Tätigkeit in kirchlichen, städtischen und staat­lichen Einrichtungen.

Die Gründung 1905 war in der Tat für den noch jungen Verband „ein etwas kühnes Unternehmen“ gewesen, wie die Vorsitzende Paula Mueller in der Rückschau konstatierte, aber eine dringliche Notwendigkeit und eine von Weitblick zeugende Entscheidung gewesen. Eine von Frauen für Frauen konzipierte Initiative, um ihnen die Möglichkeit zu selbstständiger Lebensge­staltung und Unabhängigkeit durch eine qualifizierte Grundausbildung zu geben. Christliche Liebestätigkeit allein reichte nicht mehr aus, um den wachsenden sozialen Problemen zu begegnen. Es brauche ausrei­chend geschulte Kräfte, argumentierte die Initiatorin und erste Leiterin Adelheid von Bennigsen (1861-1938), Zweite Vorsitzende des DEF, bei der Mitglieder­versammlung in ihrem Antrag, der „mit Begeisterung“ angenommen worden war: In der Rückschau eine bahnbrechende Idee und eine Pionierarbeit, die durch „seine systematische theoretische und praktische Aus­bildung“ Vorbild für etliche in rascher Folge gegrün­dete Einrichtungen werden sollte. Neu war die Er­kenntnis, dass wirtschaftliche Bedingungen und sozi­ale Zusammenhänge in wechselseitiger Beziehung standen. Über die wechselvolle Geschichte des Frauenseminars wurde 2005 in der Festschrift zur Erinnerung an die Gründung unter dem Titel „Verant­wortung für die Mitgestaltung des Sozialen in der Ge­sellschaft“ ausführlich berichtet. Hier soll das Augen­merk auf die vor 140 Jahren geborene Auguste Jorns gerichtet und ein bislang kaum thematisierter Aspekt aufgezeigt werden, der im Thema ihrer Promotion über die Sozialpolitik der Quäker und parallel in manchem Arbeitsgebiet des DEF auszumachen ist, obwohl die Bewegung selbst in Deutschland nie viele Anhänger hatte, sondern mehrheitlich in England und in den Vereinigten Staaten zu finden ist, wo sie unter dem Namen 'Society of Friends' im 17. Jahr­hundert entstand.

Früh hatte Auguste Jorns ihre Mutter und zwei kleine Brüder verloren. Anschließend hatte sie – wie das da­mals üblich war – dem väterlichen Haushalt vorge­standen und sich der um sechs Jahre jüngeren Schwester Marie angenommen. Der Vater, Eigentümer eines Kupferwalzwerks, habe für eine ausgezeichnete Erziehung und Ausbildung gesorgt, wozu auch Reisen ins Ausland gehörten, heißt es. Doch erst nach dem Tod des Vaters machte Auguste Jorns, inzwischen 30 Jahre alt, als Externe das Abitur. Es folgte das Studium der Volkswirtschaft und 1912 die Promotion an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät in Frei­burg im Breisgau. Zum Quellenstudium hatte sie sich längere Zeit in England aufgehalten.

Ihre erste berufliche Tätigkeit führte Auguste Jorns nach Berlin, wo sie im Büro für Sozialpolitik und in der Zentralstelle für Volkswohlfahrt reiche Erfahrungen hatte sammeln können. Nebenbei wirkte sie bei der Ausbildung von Gewerbelehrerinnen, Kindergärtne­rinnen und Jugendleiterinnen mit und engagierte sich im Nationalen Frauendienst, wo sie vielen Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung begegnete. Somit brachte sie beste Voraussetzungen für die Übernahme der Leitung des Christlich-Sozialen Frauenseminars in ihrer Geburtsstadt mit. Bis zu ihrer Pensionierung 1942 leitete sie die Ausbildungsstätte, in die sie viele neue Impulse und Weiterungen einbrachte und eine große Zahl von jungen Frauen hervorragend ausbil­dete und für den Beruf der Wohlfahrtspflegerin be­geisterte. Mit vielen von ihnen unterhielt sie über Jahre engen Kontakt und begleitete sie auf ihrem Be­rufsweg. Die immer gut besuchten Ehemaligentreffen dokumentieren die gegenseitige Wertschätzung ein­drucksvoll.

Es waren keine einfachen Jahre nach dem verlorenen Krieg, dann durch die Inflation und ab 1933 durch Repressalien durch die staatlichen Behörden gegen eine christlich geprägte Anstalt, bis hin zur erzwun­genen Übergabe des Seminars an die Provinz. Es war eine bittere Entscheidung für den Verband, denn das Seminar galt als des DEFs liebstes Kind. Seit der Grün­dung war es getragen und finanziert durch mannig­fache Spenden aus den Ortsverbänden und Schen­kungen von vermögenden Familien. „Was an Gefähr­dungen, Sorgen, Anlass zu Bitterkeit dahinter stand, wissen nur die Beteiligten“, schrieb eine ehemalige Schülerin später. Nur die Ausbildung für den kirch­lichen Dienst konnte vom DEF weitergeführt werden - eine schmerzliche Amputation, die bedauerlicher­weise auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trotz intensiver Bemühungen nicht revidiert werden konnte.

Von 1921 an nahm Dr. Auguste Jorns als Bürgervor­steherin im Stadtparlament von Hannover die erstmals Frauen gewährte Staatsbürgerinnenpflicht als Chance zur Einflussnahme beim Aufbau des Wohlfahrts- und Jugendamtes wahr, schied jedoch 1933 aus und wei­gerte sich standhaft, der NSDAP beizutreten. Die letzten drei Jahre vor der Pensionierung als Leiterin der Pro­vinzialschule für Volkspflege, einer staatlichen Anstalt, die die Verordnungen und Verfügungen des Oberprä­sidenten, - „entsprechend heutiger Anschauung“, die sie offenbar nicht teilte, - umzusetzen hatte, müssen für „einen so geraden Charakter“ sehr schwer gewesen sein.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand Au­guste Jorns der jungen Demokratie wieder ehrenamt­lich zur Verfügung und übernahm 1952 – inzwischen 75 Jahre alt – den Vorsitz des Arbeitskreises für Frauen in Hannover und Niedersachsen und war über Jahre im Zentralvorstand der niedersächsischen CDU. Aus dem reichen Schatz ihrer Erfahrungen machte sie zahl­reiche Vorschläge bei der Neufassung der Gesetze zum Ehe- und Familienrecht. In Anerkennung ihrer Verdienste erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Halgard Kuhn

 

Das Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel, hat freundlicherweise das Foto zur Verfügung ge­stellt.

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Schülerinnen im Frauenseminar im Klassenzimmer
Schülerinnen einer Klasse im Christlich sozialen Frauenseminar