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Ich brauche Hilfe. Wer hilft mir? – Interview zu hauswirtschaftlicher Versorgung und Pflege

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„Demografischer Wandel“ ist zum Schlagwort der Gegenwart geworden - allen bekannt. Gesunde, aktive Senioren kurbeln die Wirtschaft an, unter­stützen Kinder und Enkelkinder, konsumieren, reisen und investieren für ihr privates Wohlbefinden. Sie können Hilfe im Haushalt bezahlen, wenn diese not­wendig wird.

Die Zahl der alten und sehr alten Menschen steigt ständig und es gibt auch sie, die anderen, die behin­derten, kranken und pflegebedürftigen Menschen. Durch Gesetze, Verordnungen und Maßnahmen stehen diesen Menschen finanzielle Beiträge und Sach­leistungen nach dem Pflegestärkungsgesetz (PSG) zu.

„Ambulant vor stationär“ lautet die Forderung der Politik. Damit werden die Wünsche der Menschen er­füllt, im eigenen Umfeld bleiben zu dürfen. Aber auch Geld und Personal werden gespart. Vorwiegend weib­liche Familienangehörige betreuen, versorgen und pflegen. In Deutschland leben derzeit etwa 71 Prozent der auf Hilfe und Pflege angewiesenen Menschen in privaten Haushalten.

Vollbeschäftigung für alle beugt Altersarmut vor, aber bei einer Vollbeschäftigung für alle bleibt wenig Zeit für die Fürsorge der Jüngsten und Ältesten einer Volks­gemeinschaft. Das Thema Altersarmut beschäftigt der­zeit nicht nur alle Parteien, Wohlfahrtsverbände, Ge­werkschaften und Kirchen, sondern auch und über­wiegend betroffene Frauen, die ihr Rentenkonto nicht voll haben und ihre Rentenzeit nicht erfüllen können.

Nach Jahren langen Bittens, Drängens und Forderns hat es der Staat mit Kinderbetreuungsmaßnahmen vielen Frauen ermöglicht, eine sozialversicherte Tätig­keit aufzunehmen. Die tüchtigen jungen, oft gut aus­gebildeten Frauen werden bei stets sinkenden Arbeits­losenzahlen von der Wirtschaft dringend gebraucht. Sie haben es geschafft, per Gesetz ihre Jüngsten opti­mal versorgen zu lassen. Wer aber unterstützt Oma und Opa, allein lebende Senioren, wenn sie Alltags­verrichtungen nicht mehr alleine ausführen können und Hilfe durch die Familie nicht machbar ist?

Ich kann mich nicht mehr bücken und knien, nicht mehr lange stehen, nur mühsam Treppen steigen,

ich kann nicht mehr weit laufen und schwer tragen,

ich kann nur eingeschränkt sehen und hören, das Öffnen von Tuben und Flaschen fällt mir schwer.

Ich möchte unter Menschen sein.

Wer begleitet mich zum Arzt, zum Sparkassenautomaten?“

Hauswirtschaftlicher Unterstützungsbedarf kommt zeit­lich immer vor der Pflege, so sehen es die Vertreter von Hauswirtschaftlichen Fachverbänden, wenn nicht ein Unfall oder Schlaganfall vorliegt. Aber wie steht es um die Wertigkeit?

So sieht der Alltag der älter werdenden Menschen aus: Sie brauchen noch keine Pflege, aber ihre Selbststän­digkeit beim Verrichten hauswirtschaftlicher Arbeiten wird mehr und mehr zur Plage. Sie sind einge­schränkt beim Reinigen der Wohnung, der Sanitär­anlagen und der Einrichtungsgegenstände, Reinigen der Wäsche, der Kleidung und Heimtextilien, beim Ein­kaufen, Lagern und Verarbeiten von Lebensmitteln und auch im Zusammensein mit Menschen und damit Bewahren vor Einsamkeit und Depression. Hauswirt­schaftliche Unterstützung ist dringend erforderlich, aber wer kann sich diese leisten? „Ich brauche Hilfe, aber wer hilft mir?“

Interview von Johanna Ittner mit Max Geier

Johanna Ittner ist ehemalige AEH-Vorsitzende (Ar­beitsgemeinschaft Evangelischer Haushaltsführungs­kräfte) auf Bundes- und Landesebene und stellvertre­tende Vorsitzende des Seniorenrats der Stadt Schwa­bach, Mitglied des sozialpolitischen Ausschusses der Landesseniorenvertretung Bayern, Arbeitsgruppe Haus­wirtschaft, und sie ist Betroffene (gehbehindert, Jahrgang 1932).

Max Geier hat von der Pike auf gelernt. Er war ein Jahr Zivildienstleistender im mobilen sozialen Hilfsdienst, Ausbil­dung zum Krankenpfleger, Studium Pflegemanage­ment und Gesundheitsökonomie. Seit Oktober 2014 ist er mit einer halben Stelle Koordinator (Leiter) des Pflegestützpunktes in Schwabach, mit der zweiten halben Stelle ist er Sachgebietsleiter Seniorenarbeit.

Johanna Ittner: Wie viele Personen beraten sie durchschnittlich in der Woche?

Max Geier: Mit zwei Kolleginnen führen wir Informationen und Beratungen durch. Der Zeitaufwand dafür ist unterschiedlich, etwa 30 Beratungen pro Woche wer­den es schon sein. Dazu kommen Öffentlichkeits­arbeit, Vorträge, Förderung kommunaler Netzwerke und organisatorische Fragen.

Johanna Ittner: Was sind die Schwerpunkte der Beratung?

Max Geier: Pflegebedürftigkeit und Einstufung in Pflegegrade.

Johanna Ittner: Dies geschieht nach dem neuen Pflegestärkungs­gesetz (PSG), das am 1.1.2017 in Kraft getreten ist. Viele ältere Menschen erhofften sich dadurch finan­zielle Unterstützung für einen geregelten Tagesab­lauf. Wie steht es damit?

Max Geier: Bei dem PSG handelt es sich um gesetzliche Vor­gaben im Rahmen der Pflegeversicherung. Dabei geht es darum, die Einschränkung der Selbstständig­keit durch körperliche oder kognitive Beeinträchti­gungen zu kompensieren. Damit gehen - und das zeigt sich in unserem Beratungsalltag sehr deutlich - auch Einschränkungen im hauswirtschaftlichen Bereich einher. Hier tritt ein Unterstützungsbedarf ja oft schon im Vorfeld einer Pflegebedürftigkeit auf. Den­noch handelt es sich um eine Pflegeversicherung, keine Hauswirtschaftsversicherung. Und genau das wird beim neuen Begutachtungsinstrument und der Leistungsgewährung meines Erachtens auch deut­lich: Das Modul „Hauswirtschaftliche Versorgung“ wird im Rahmen der Pflegebegutachtung zwar mit angeschaut, fließt aber bei der Bewertung der Pflege­bedürftigkeit nicht ein. Dennoch werden den Versi­cherten hier Unterstützungsmöglichkeiten aufgezeigt, und über den Entlastungsbetrag stehen dann auch finanzielle Leistungen zur Verfügung, um Hilfen zu organisieren.

Johanna Ittner: Hauswirtschaft geht vor Pflege. Können Sie per­sönlich dieser Aussage zustimmen?

Max Geier: Diese Aussage ist mir so nicht bekannt.

Johanna Ittner: Das ist plakativ von mir formuliert; Sie sagten ja eben selbst, dass ein Unterstützungsbedarf im haus­wirtschaftlichen Bereich schon oft im Vorfeld einer Pflegebedürftigkeit auftritt. Genau um diese Menschen geht es mir. Sie sind betagt, hochbetagt, oft mit Schwer­behindertenausweis, und sind in ihrer Selbstständig­keit so eingeschränkt, dass sie ihre Alltagsverrichtun­gen teilweise nicht mehr alleine ausführen können. Sie sind aber kein Pflegefall.

Ich weiß, Herr Geier, Sie sind hier nicht der richtige Ansprechpartner, aber mein Aufruf, meine Bitte geht an Hauswirtschaftliche Fachverbände, vor allem HW-Bundesorganisationen, aber auch Sozialverbände, sich dieses Problems anzunehmen: bei einer Einstu­fung dieser Personengruppe in Pflegegrad 0 oder 1.

In allen Pflegegraden werden Alltagsbegleitung und Haushaltshilfen mit einem Entlastungsbeitrag in Höhe von 125 Euro bezahlt. Mit diesem Geld könnte eine Hilfe bezahlt werden, die sozialversichert ist.

Aus der Seniorenarbeit kenne ich viele hilfsbedürftige, aber nicht pflegebedürftige Menschen, die sich nur eine „schwarz“ beschäftigte Zugehfrau leisten kön­nen – schon 10 Euro für eine Stundenhilfe sind für diese Leute viel Geld. Ein Betrag, den sie für „Putzen, Waschen, Kochen“ kaum ausgeben können. Rechtlich darf das gar nicht sein, weil die Helferin ohne aus­reichende Sozialversicherung in Zukunft ein weiterer Fall für Altersarmut wird. Damit dreht sich die Spirale ohne Ende.

Johanna Ittner: Eine letzte Frage: Sehen Sie „Pflege“ und „Hauswirtschaft“ als Partner - gleichwertig?

Max Geier: Zunächst einmal handelt es sich dabei um zwei unterschiedliche Professionen und Berufsbilder. Doch im Rahmen der Unterstützung pflegebedürftiger Men­schen leisten beide einen wichtigen Beitrag. Übrigens ist das Netzwerk, das bei der Versorgung pflegebe­dürftiger Menschen zusammenspielt, noch viel größer - hier sind vor allem auch Angehörige (Einwurf von Johanna Ittner: „Wenn es sie gibt und wenn diese wollen und wenn diese können!“) und ehrenamtliche/nach­barschaftliche Hilfen neben den professionellen Dienst­leistern zu nennen und zu würdigen. Nur im partnerschaftlichen Zusammenspiel aller kann die Versorgung pflegebedürftiger Menschen gelingen.

Johanna Ittner: Ich sehe das genauso, Priorität muss die Würde des Menschen haben. In einem zweiten Beitrag, der in der nächsten Ausgabe dieser Zeitschrift erscheint, wer­de ich mich mit einer Einsatzleiterin darüber unter­halten. Herr Geier, ich danke Ihnen für das Gespräch.

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Johanna Ittner am Computer