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Schrille Posts steigern die Verunsicherung in Krisen und bei Katastrophen

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Auf der 3. Fachtagung Jugendschutz „Bilder, die Angst machen. Katastrophen und Krisen in den Medien“ in der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien be­tonte ihr Präsident Siegfried Schneider, dass im Zeit­alter von Fake News (Falschmeldungen) Medienkom­petenz auf Seiten der Rezipienten unerlässlich ist.

Der Journalist und Tagungsmoderator Dr. Stefan Leifert (Korrespondent Studio Brüssel, ZDF) erzählte von seinen persönlichen Erfahrungen beim Terror­anschlag in Brüssel am 22. März 2016. „Ich war noch im Schlafanzug, als ich die Lage einschätzen sollte“. Binnen von Minuten versuchte er Fakten und Ge­rüchte zu differenzieren, denn die erste Liveschaltung erfolgte bereits aus seiner Küche. Erst als er im Taxi Richtung Flughafen fuhr, war klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Als verlässliche Quellen erlebte er damals Polizei, Staatsanwaltschaft, Flug­hafen- und Metrobetreiber. Ein Schlüsselerlebnis war für ihn, als während der Vorbereitung der Liveschal­tung am Flughafen 14 Leichenwagen an ihm vorbei­fuhren. Leifert stellte fest, dass Journalisten heute nicht mehr Schleusenwächter, sondern „Navigatoren im rauschenden Meer der Informationen“ sind.

Medienrealität ist nicht gleich der Realität von Ereig­nissen, konstatierte Prof. Dr. Alexander Filipovic (Lehrstuhl für Medienethik, München); es gibt einen Unterschied zwischen dem, was passiert und dem, was berichtet wird. Am Beispiel des Germanwings Absturzes 2015 zeigte er auf, wie durch Programm­unterbrechung, pausenlose Berichterstattung und Spe­kulationen die Katastrophe medial inszeniert wurde. Selbst die Kritik an der Berichterstattung war Teil dieser medialen Inszenierung des Ereignisses.

„Nein, meine Suppe esse ich nicht“, ist der häufigste Gesichtsausdruck während der Nachrichtenrezeption, demonstrierte Prof. Dr. Frank Schwab (Institut für Medienpsychologie, Würzburg) sehr anschaulich. In seinem Vortrag stellte er drei Studien vor, die zeigten, dass Nachrichten nicht hauptsächlich Angst, sondern vor allem Sorgen, Trauer und sogar Verachtung – Letzteres vor allem bei Jungen – evozieren. Jungs im Alter zwischen 7 und 12 Jahren zeigen eine Aggressi­onsbegeisterung bei Nachrichten. Kinder reagieren bei der Nachrichtenrezeption immer auf die elterliche Reaktion, die sie dabei beobachten. Eltern sollten nicht immer unbedingt über das Gesehene mit den Kin­dern reden, sondern viel lieber gut zuhören und die Fragen der Kinder beantworten. Kinder, die Nachrich­ten sehen, sind in der Schule besser, Medienkompe­tenz wirkt sich positiv auf die schulischen Leistungen aus, so Schwab.

Wie reagiert man in der Praxis auf solche Ereignisse? Am Beispiel des Amoklaufes vom Juli 2016 in München schilderten Marcus da Gloria Martins (Leiter Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Münchner Polizei) und Dr. Torsten Rossmann (Geschäftsführer WeltN24, Berlin) ihre Erlebnisse. „Wir waren kopf- und sprachlos, da hat man keinen Masterplan“, erzählte da Gloria Martins. Allerdings hatten die Flüchtlingskrise und der Bombenalarm in Münchner Bahnhöfen in der Silvesternacht 2015/16 zu einem bereits optimierten Umgang der Polizei mit sozialen Netzwerken geführt. 4310 Notrufe gingen bei der Polizei nach dem Amoklauf bis zum Ende ein und 99,1 Prozent der Anrufer hatten tatsächlich Angst. Es gab 73 Phantom­tatorte und das Problem, dass der Täter für zwei Stunden verschwunden war. Das größte Problem war für da Gloria Martins die Verbreitung von Fehlinfor­mationen vor allem via WhatsApp und Twitter. Eine Social Media Strategie gab es nicht und sei auch nicht machbar. Auch Rossmann und seine Redaktion waren weder vorbereitet noch ausreichend besetzt, erkannten aber relativ schnell die Nachrichtenlage. „Die Leute erwarten von uns Begleitung, Einordnung und Kommentare unter Beachtung des Jugend­schutzes“, so Rossmann.

Birgit Braml und Sonja Schwendner (Referentinnen Medienkompetenz und Jugendschutz, BLM) stellten die Aufgaben des Jugendmedienschutzes vor und wiesen auf die Problematik hin, dass bei hohem Nach­richtenwert und dementsprechenden Informations­bedürfnis der Jugendmedienschutz diesen unterge­ordnet ist. Sie sehen Medienpädagogik als Ergänzung zum Jugendmedienschutz.

Wir können Kinder nicht mehr von Katastrophen und Krisen fernhalten, so Dr. Maya Götz (Leiterin des internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen, München). Auf Basis ihrer Studien zum Irakkrieg, Fukushima und der Flüchtlingskrise kommt Götz zu dem Schluss, dass Kinder ein Halb­wissen über diese Themen haben, für dessen korrekte Einordnung und Aufarbeitung sie dringend Unter­stützung brauchen. Wissensquellen der Kinder sind alle Medien, Eltern und Peers. Kinder möchten möglichst viele Informationen im Detail; sie wollen die Gefahr für sich selbst einschätzen können. Kinder brauchen Fakten ohne Emotionalisierung.

Unter dem Stichwort „Medienkompetenz: Was sollte man Kindern vermitteln“ diskutierten die Schauspie­lerin Gesine Cukrowski, der Studiendirektor Helmut Friedl, Michael Gurt (verantwortlicher Redakteur Flimmo, Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) und Verena Weigand (Bereichsleiterin Medienkompetenz und Jugendschutz, BLM). Friedl leitet ein Mädchengymnasium mit 70 Prozent Migrantinnen – davon hauptsächlich Musliminnen. Seine Schule war daher bei allen Anschlägen sehr emotional betroffen und musste viel mit den Mäd­chen aufarbeiten. Die fortschreitende Digitalisierung bringt neue Herausforderungen an die Medienpäda­gogik mit sich und „wir müssen der Medienrealität in den Familien dabei Rechnung tragen“, so Gurt. Eltern und Schule müssen zusammenarbeiten, der Ruf nach Medienkompetenz darf nicht an der Finanzierung von Unterstützungsangeboten scheitern.

Sabine Jörk
Vorsitzende Evangelische Arbeitsgemeinschaft Medien
des Deutschen Evangelischen Frauenbundes
Landesverband Bayern e.V.

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Foto von Professor Dr. Frank Schwab
Prof. Dr. Frank Schwab, Quelle: BLM, Fotograf Stefan Heigl