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Wir haben es satt! Glyphosat

|   Aktuelles

In Berlin haben vor einigen Wochen anlässlich der Grünen Woche nach Polizeiangaben mehrere zehn­tausend Menschen für eine Agrar- und Ernährungs­wende demonstriert. Zu der inzwischen achten Groß­demonstration unter dem Motto "Wir haben es satt!" hatte ein Bündnis aus rund 100 Umwelt-, Verbrau­cher-, Landwirtschafts- und Entwicklungsorganisatio­nen aufgerufen. Im Mittelpunkt stand die Kritik am Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft. Das Un­krautvernichtungsmittel habe verhängnisvolle Kon­sequenzen für Menschen, Tiere und Umwelt, erklär­ten Umwelt- und Verbraucherverbände.

Auch im „def aktuell“ wollen wir das Thema immer wieder aufgreifen und über den aktuellen Stand be­richten.

Hannelore Täufer, Leiterin des Arbeitskreises Gesell­schaftspolitik im Vorstand des AEH-Förderkreises, stellt nachfolgend die Fakten zur Glyphosat-Problematik dar und betrachtet die hohen Risiken des Einsatzes für die Umwelt. Dies sei eine persönliche und auf ihren Wertvorstellungen basierende Einschätzung, wie die Autorin anmerkt.

Glyphosat ist das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid – ein Breitbandherbizid, das gegen alle Un­kräuter wirkt (Totalherbizid). Inzwischen wissen wir, Unkräuter sind Blumen und Pflanzen am Ackerrand, am Waldrand, Kräuter am Wegrand. Vor allem Insek­ten brauchen diese zum Überleben. Unkräuter sind Nahrungsquelle für viele Insekten zum Überleben, den eigenen Hunger zu stillen, den Nachwuchs zu ernäh­ren und ganz nebenbei die Bestäubung unserer Obst­bäume und Blumen zu übernehmen. Durch die Nah­rungskette werden das Überleben von Vögeln und vielen anderen Tieren gesichert – ein Kreislauf, den wir alle kennen. Wir erinnern uns alle an die Bilder aus Japan. Dort waren viele Menschen zu sehen, die mit Pinseln die Bestäubung der Bäume sicherten. Das kann nicht die Zukunft sein!

Glyphosat ist ein besonders stark wirksames Herbizid und wird in der Bundesrepublik auf etwa 40 Prozent aller Felder eingesetzt, übrigens auch sehr häufig in Kleingärten. Die Firma Monsanto hat es entwickelt und verkauft es unter dem Namen Roundup. Ich will jetzt nicht die nächste Diskussionsrunde eröffnen, warum Monsanto sich so ohne Wehr auf die Über­nahme mit Bayer eingelassen hat. Die Frage: Haben beide einen Gewinn daraus und welcher ist das? darf/muss gestellt werden – aber nicht hier.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließt ge­sundheitliche Risiken wegen der Ausbringung von Glyphosat seit einiger Zeit nicht mehr aus. Anders die EU-Agentur für Lebensmittelsicherheit. Sie sieht keine Gefahren; dagegen laufen viele Umweltorganisatio­nen Sturm. Es gibt inzwischen zwei Studien, die belegen, dass Menschen aus der Stadt ohne Bezug zu Äckern und Garten Glyphosat im Blut haben. Bleibt ja nur die Nahrung als Übertragungsmedium.

Die Meinungen sind also extrem konträr. Ende Juni 2016 lief die Zulassung für Glyphosat ab. Die EU-Kommission wollte eine weitere Nutzung für 15 Jahre gestatten. Sie scheiterte. Der nächste Versuch war die Zulassung für neun Jahre. Auch dazu konnte sich die Mehrheit der 28 Mitgliedstaaten nicht durchringen. Für eine Genehmigung oder Ablehnung ist eine „qualifizierte Mehrheit“ notwendig. Für diese „qualifizierte Mehrheit“ zählen nicht nur die Stimmen der Mitgliedstaaten, sondern auch ihr Gewicht auf­grund der Größe. Maximal sind von den 28 Mitglied­staaten derzeit 352 Stimmen möglich, 260 Stimmen also nötig, um zuzustimmen oder abzulehnen. Nun enthielten sich 19 Staaten, darunter auch die Bundes­republik Deutschland. Durch die vielen Enthaltungen (19 von 28!) konnte die Kommission „eigenmächtig“ handeln. Sie verlängerte die Genehmigung um 18 Monate. Allerdings wurde die Europäische Chemika­lienagentur (ECHA) beauftragt, vorhandene Studien zu überprüfen bzw. eigene Studien zu erstellen. Wie von vielen erwartet, kam die ECHA zu dem Ergebnis, Glyphosat sei nicht krebserregend. Kurz vor der er­neuten Befassung der EU-Mitgliedstaaten im Herbst 2017 mit der Wiederzulassung für Glyphosat belegt die neue Analyse "Glyphosat und Krebs: Systemati­scher Regelbruch durch die Behörden", dass der Wirkstoff nach den geltenden EU-Standards hätte als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft werden müssen. Am 27. November 2017 wurden durch die nicht abgesprochene Zustimmung und den Allein­gang von Landwirtschaftsminister Christian Schmidt mit einem „Ja“ alle bisher gültigen Regeln und Ab­sprachen gebrochen. Die deutsche Zustimmung er­möglichte, dass Glyphosat für fünf weitere Jahre in der EU eingesetzt werden kann.

Glyphosat findet allerdings nicht nur auf den Äckern der Bauern gute Abnehmer. Auch im Bereich der Kommunen und damit in vielen Parks, öffentlichen Spielplätzen und an Straßenrändern von öffentlichen Straßen wird reichlich Glyphosat gespritzt. Anderer­seits erklären sich immer mehr Kommunen zu gly­phosatfreien Zonen - ein Schritt in die richtige Rich­tung. Folgen sollten GartenbesitzerInnen. Oft ge­schieht der Einsatz in privaten Gärten, ohne über die Auswirkungen nachzudenken. So werden Boden und Grundwasser ohne Not belastet – Pestizide sind eben „nicht ohne“.

Sicher haben Sie schon in der Zeitung gelesen, dass Menschen, die Umgang mit diesen Produkten haben, jährlich eine Fortbildung absolvieren müssen. Das sind Bauern und VerkäuferInnen in den Garten­centern. Privatpersonen brauchen keine Information. Diese leben auch dort, wo sie das Gift ausbringen – vielleicht ist das der Grund für das Nicht-erscheinen-Müssen?   

Hannelore Täufer

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Pflanzenschutzmittel werden mit Traktor und Spritze auf Acker ausgebracht
Quelle: pixabay agriculture 1359862 1920