Skip to main content

Des Erinnerns wert

|   Aktuelles

Das ereignisreiche Jahr 1918

Auf der Generalversammlung Mitte März 1918 – im vierten Jahr des Ersten Weltkrieges – hatte der DEF nach langen, sehr kontrovers geführten Diskussionen schließlich mehrheitlich dafür gestimmt, weiterhin beim seit vielen Jahren von ihm vertretenen Standpunkt zu bleiben und nicht die zunehmend kämpferischen Forderungen innerhalb der Frauenbewegung nach dem politischen Frauenstimmrecht auf Reichsebene zu unterstützen. Die Folge war der Austritt aus dem Bund Deutscher Frauenvereine.

Schon 1908 hatte Mathilde Gräfin zu Münster im von der DEF-Vorsitzenden Paula Mueller herausgegebe­nen „Handbuch zur Frauenfrage“ in einem Beitrag „Die Stellung des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes zu dem kirchlichen, kommunalen und politischen Wahlrecht der Frau“ eine deutliche Differenzierung auf den drei Ebenen – Kirche, Kommune, Staat – aus Sicht des DEF aufgezeigt. In ihm be­gründet sie, warum der Verband zwar die Mitsprache in Kirche und Kommune anstrebte, nämlich dort, wo die Frauen durch die praktische Arbeit auf vielen Gebieten der Wohlfahrtspflege Erfahrungen gesammelt hatten, die sie zum Wohl der Allgemeinheit ein­bringen wollen, nicht aber das politische Wahlrecht. Der Verband verschließe „sich zwar nicht der Erkenntnis, dass der Einfluss der Frauen auf die Gesetzgebung der leichteste Weg zur Erlangung der Ziele, denen die ganze Frauenbewegung zustrebt“ sei. „Er weiß, dass für die Hebung des weiblichen Geschlechtes in sozia­ler, rechtlicher, sittlicher, geistiger Beziehung das poli­tische Wahlrecht ein unschätzbarer Vorteil wäre“. Sie fährt fort: „Die Einführung des doch nur in Betracht kommenden allgemeinen gleichen politischen Wahl­rechtes für beide Geschlechter würde aber in Anbetracht unserer innerpolitischen Verhältnisse und der noch vielfach mangelnden Reife der Frauen in absehbarer Zeit keinen Segen für unser deutsches Volk bedeuten, sie ließe dagegen eine im höchsten Grade bedenkliche Stärkung der staatsfeindlichen Parteien mit Sicherheit voraussehen. Dieser Gesichtspunkt muss nach Ansicht des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes für national denkende Frauen maßgebend sein.“ Wie unglaublich fortschrittlich - ja geradezu revolutionär - war der Ansatz auf einen einzig in Betracht kommenden Anspruch auf ein allgemeines, gleiches und freies Wahlrecht für beide Geschlechter im Jahr 1908 in einem obrigkeitlich geführten Staat! Zudem von Frauen ausgesprochen.

Was aber sollte man nach dem Austritt aus der Dachorganisation der Frauenbewegung tun? Wie konnte man die unterschiedlichen Strömungen im Verband zusammenhalten? Wie die erzkonservativen Ansprüche der Vertreterinnen des preußischen Landadels mit den weitaus liberaleren Kräften im Süden, aber auch dem Nordverband, geprägt durch die stolzen freien Stadtstaaten mit ihren traditionell weltoffenen Handelsbeziehungen, zusammenbinden und im Ver­band halten? Eine Zerreißprobe in der zunehmend angespannten und von Unruhen und Streiks gezeichneten Kriegszeit.

Die Vorsitzende des DEF Paula Mueller initiierte nun den Zusammenschluss der konfessionellen Frauenverbände und hoffte dabei auch auf ein Ende der massiven und verleumderischen Angriffe aus jenen christlichnationalen Kreisen, die sich im Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation zusammengeschlossen hatten. Am 14. Juni 1918 wurde die Vereinigung Evangelischer Frauenverbände gegründet, später in Evangelische Frauenarbeit in Deutschland umbenannt. Damit war mit großer Verspätung das gelungen, was bereits 1899 auf dem Frauentag in Kassel angestrebt worden war. Es hieß dazu in einer Erklärung: „Es ist gut, dass es endlich zu diesem Zusammenschluss gekommen ist und damit der unheilvollen Zersplitterung der evangelischen Kreise entgegengewirkt wird. … Die Vereinigung evangelischer Frauenverbände will zu gegenseitiger Förderung dienen und dem besonderen Zwecke, die Interessen der Frauenwelt in evangelischem Sinn gemeinsam zu vertreten“. Der Zusammenschluss erwies sich dann als eine gute Entscheidung – und besteht bis heute, als EFiD (Evangelische Frauen in Deutschland).

Ein weiterer Schritt war die Intensivierung der Zu­sammenarbeit mit dem Katholischen Frauenbund. Diese ökumenische Arbeit war damals keineswegs üblich, sondern ein erstaunliches, doch wunderbares Zeichen der Versöhnung. Auch sie besteht bis heute.

Halgard Kuhn

Zurück
Mathilde Gräfin zu Münster, Quelle: AddF D F1 00049
Paula Müller-Otfried, Quelle: AddF D F1 00060