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Geflüchtet – und was dann?

|   Aktuelles

Bundestagung des DEF in Hofgeismar im Oktober 2017

Hofgeismar westlich von Kassel ist Sitz einer Evangeli­schen Akademie. Die barocke Schloss- und Badanlage war Tagungsort für den DEF-Bundesverband zu seiner Tagung „Geflüchtet – und was dann?“ Mit dem Ta­gungsmotto wurde die aktuelle Lage in Deutschland bei noch bestehendem Zuzug von Geflüchteten und nach der großen Bewegung über die Balkanroute im Herbst zwei Jahre vorher ebenso in den Blick genom­men wie die Situation von Migrantinnen, die schon etwas länger in Deutschland sind. Zugleich bot das Tagungsthema Anknüpfungspunkte zum Nachdenken über Flucht und Vertreibung als ein Thema deutscher und europäischer Geschichte.

Nach einer Besinnung von Pfarrerin Hella Mahler dekli­nierte Pfarrerin Dorothee Löhr, vordem auch einmal 2. Bundesvorsitzende des Verbands, Fluchtgeschichten aus der Bibel durch. Wie unterschiedlich verhielten sich Adam und Eva nach ihrer Vertreibung, wie half Gott den Verfolgten und Bedrängten in ihrer großen Verzweiflung? Auch das Nach-vorne-schauen-Müssen und demgegenüber die innerliche Versteinerung beim Blick zurück findet sich bei Loths Frau. Und weil die Kriegserfahrung in Europa und das damit verbundene Leid allgegenwärtig war, hatte Dorothee Löhr zur Bebilderung ihrer Betrachtungen Motive aus historischen Delfter Kacheln ausgewählt, die genau diese Bibelstellen thematisieren.

Im Anschluss fand ein Podiumsgespräch unter der Leitung der früheren 2. Bundesvorsitzenden, Pfarrerin Ulrike Börsch, statt. Als Gäste sprachen dort Sikalda Walika, eine junge Frau aus Schweinfurt und ihre engagierte Betreuerin Heike Gröner, die auch dem DEF Schweinfurt vorsteht, in dem die bayerische Lan­deskirche die Flüchtlingsarbeit im „Projekt Herberge“ unterstützt. Sie repräsentierte die Menschen aus der aktuellen Fluchtwelle aus Syrien und dem Irak, zunehmend auch Afghanistan und Pakistan.

Desweiteren saß Luksiya Agir­man aus Celle auf dem Podium. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und zeigte sich mit dem Stand der Integration in der Bundesrepublik unzufrieden. Sie habe sich in ihrem Aufwachsen vielfach zu integrieren versucht, aber musste noch immer unter Diskriminierungen lei­den.

Von unausrottbaren Klischees und Fehleinschätzun­gen wusste auch die dritte Gesprächspartnerin zu berichten, Dorothee Römer, die aus einer Hugenotten­familie aus Bad Karlshafen stammt. Wegen der dunklen Haut- und Haarfarbe wird sie immer wieder nach ihrer Herkunft gefragt und stößt auf Unver­ständnis.

Das Gehörte konnte anschließend in mehreren Work­shops vertieft werden. Der Größte, geleitet von DEF-Bundesvorsitzenden Dietlinde Kunad und Vorstands­mitglied Sigrid Lewe-Esch, fragte in einer Biografie­arbeit die Familiengeschichte der Teilnehmerinnen ab. Nicht selten fanden sich in einem Familienzweig hu­genottische Vorfahren. Wahrscheinlich hatte aber auch das Interesse an dem im Tagungsprogramm genannten Thema Hugenotten an der Wahl dieses Workshops mitgewirkt.

Am Nachmittag des Studientages brachen die Teil­nehmerinnen mit zwei Bussen zu einer kurzweiligen Fahrt durch den Reinhardswald nach Bad Karlshafen an der Weser auf. Dort, wie auch in Hofgeismar selbst und Dörfern der Umgebung, hatte Landgraf Karl von Hessen 1685 und folgend französische Glaubens­flüchtlinge reformierter Konfession (Refugiés), auch Waldenser, angesiedelt, im Norden seines durch den Dreißigjährigen Krieg noch immer entvölkerten Lan­des. Zudem wollte er in Bad Karlshafen einen eigenen Handelshafen mit Niederlagsrecht an der Weser haben und dort auch in Manufakturen die neue Merkantil­wirtschaft umsetzen. Die Hugenotten brachten hier­für wertvolle Fähigkeiten aus ihrer in Europa führen­den Heimatnation mit.

Von Dorothee Löhr und Dorothee Römer kundig geführt, besuchten die Teilnehmerinnen das Deutsche Hugenottenmuseum, das sich in einer ehe­maligen Tabakfabrik im nördlichen Altstadtteil befin­det. Viele Zeugnisse künden von der Handwerkskunst und aus dem Handel der Karlshafener Hugenotten­familien. Die Geschichte des evangelischen Glaubens in Frankreich und der Vertreibung seiner Menschen unter Ludwig XIV. wird erklärt, schließlich das Exil in verschiedenen deutschen und europäischen Ländern sowie in Übersee erläutert. In Bad Karlshafen und dem Deutschen Hugenottenmuseum wird das Schicksal der Refugiés als ein europäisches Phänomen darge­stellt und sein Andenken gepflegt. Von dem welt­weiten Austausch hugenottischer Familien laufen in Bad Karlshafen so einige Fäden zusammen. Auf der Heimfahrt besuchte die Gruppe schließlich noch die Hugenottenkirche von Schönberg, einer der Ortschaf­ten, die der Landgraf seinen Refugiés angewiesen hatte. Französische Bibelinschriften in hessischem Fach­werk zeugen vom Fußfassen in der Fremde und sind ein Stück lebendiger europäischer Geschichte.

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in Bad Karlshafen
Hugenottenkirche in Schöneberg
Bundestagung
Dietlinde Kunad bedankt sich bei Dorothee Löhr