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Was können uns mutige Reformatorinnen wie Argula von Grumbach heute sagen?

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Erstens: Sie wurde in dem denkwürdigen Epochenjahr 1492 geboren, als Kolumbus die Neue Welt entdeckte und die katholischen Könige von Spanien, Ferdinand und Isabella, mit Granada das letzte muslimische Reich auf der Iberischen Halbinsel besiegten. Eine Zeit des Umbruchs und auch der Reformation, in der sie selbst eine Rolle spielen und einen festen Stand­punkt einnehmen sollte.

Auffällig an Argula von Stauff waren ihre hohe Bildung und ihr Selbstvertrauen. Es verdankte sich ihrer hoch­adeligen Herkunft und dem gebildeten Elternhaus. Sie setzte sie nicht dünkelhaft ein, sondern sie hatte dadurch diese Festigkeit in sich, die sie später als Glaubensstreiterin und Reformatorin auszeichnete.

Sie kannte sich aus, in der Welt der Politik und des Ringens um Macht und Einfluss ebenso wie in ihrer Bibel. Sie hatte eine deutsche Bibel bereits mit zehn Jahren von ihrem Vater zum Geschenk erhalten und lebte das, was mit „sola scriptura“ in der Reformation eine Rolle spielen sollte. Die Schrift, die biblische Über­lieferung, war das Maß und die Richtschnur, und zwar für alle Menschen. Ihre Kämpfe für die Freiheit be­ging sie mit der Schrift, ihre Argumente kamen daher und darauf verließ sie sich selbst in allen schwierigen Lebenslagen.

So hat Argula von Grumbach, geborene Stauff, aus ihrer Herkunft und ihrer Bildung das meiste gemacht. Dies beiden sowie ihr fester Glaube haben sie befähigt, sich ein Urteil zu bilden und ent­schieden Partei zu nehmen für die einmal als richtig erkannte Sache der Reformation. Und dies gegen alle Widerstände und Konvention, denn zwar gab es zu­mal im hohen Adel manche gebildete Frau, doch war insbesondere das öffentliche Auftreten von Argula oder auch anderen Reformatorinnen keineswegs üblich. Es war aber eine neue, von ihr und anderen genützte Chance. Dass sie dabei von ihrem Glauben und ihrem Gewissen geleitet waren, macht die Aus­sage unbedingt und ist vielleicht einer der Gründe für die Faszination heute über die Jahrhunderte hinweg.

Zweitens: Lange war diese Geschichte der Reformatorinnen, überhaupt der Frauen in der Reformation und der Frühen Neuzeit kein Gegenstand von Interesse. Die Zeiten waren nicht danach, denn ein in der Renais­sance möglicher Aufbruch war nach den Religionskrie­gen in der Entwicklung zum bürgerlichen Zeitalter einfach nicht gefragt. Männliche Oberherrschaft und weibliche Unterordnung war das über Jahrhun­derte gelebte Modell in der Gesellschaft wie in den Familien. Auswege boten zunächst die Lite­ratur, vielleicht auch die Musik, und dann die Revolutionen ab der Französischen von 1789, als es für Frauen Ausnahmen gab oder sie sich auf den Weg machten. Die Regel waren Eheverabredungen und ein ziemlich auf Haus und Stand reduziertes Frauenleben.

Wenn es erst 40 Jahre her ist, seit Frauen in der bayerischen Kirche ordiniert werden und ein Pfarramt übernehmen dürfen, so brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass man sich sehr lange Zeit nicht besonders für die mu­tigen Frauen der Reformationszeit interessierte. Sie passten einfach nicht ins Bild. Die Geschichte wird aber immer so geschrieben, dass sie ins Bild passt. Es brauchte erst die Erste und dann auch noch die Zweite Frauenbewegung in Deutschland und Europa, dass die Vorbilder auch unter den Frauen gesucht wurden, ihre Geschichte erzählt und geschrieben wurde.

Drittens: Aber jetzt geht es. Und es gehört zu den schönen Entwicklungen in diesem Jubiläumsjahr 500 Jahre Reformation, dass wir nicht nur von den berühmten Männern der Reformation gehört haben, sondern auch viel zu hören und zu sehen war von den Frauen der Reformation. Heureka!

Es ist eine schöne Entdeckung, dass in der Reforma­tion die Frauen von Anfang an dabei und wichtig waren. Sie haben nicht nur das Essen auf den Tisch gestellt, sondern haben mit am Tisch gesessen, an dem die neuen Ideen diskutiert wurden. Sie konnten lesen und denken, und in den Familien wie in den größeren Kreisen der Stadt oder der ländlichen Um­gebung auch wurden die deutsche Bibel und die Flug­schriften diskutiert in einer Lebhaftigkeit, die heute vielleicht sogar überrascht.

Viertens: Wie ist es denn heute mit dem Mut, bei uns Frauen? Wir brauchen vielleicht nicht mehr gar so viel davon? Manche lehnen sich schon zurück und finden, eine Frauenbewegung braucht es nicht mehr. Es ist ja alles erreicht. Ganz so ist es freilich nicht, es ist immer noch viel zu tun für die Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung. Alleinerziehende und ihre Kinder, ebenso alleinstehende alte Frauen sind die Ärmsten selbst in unseren reichen Gesellschaften. Aber Argula hat nicht spezifisch für die Frauen gestritten, sondern für alle Menschen. Das tun heute glücklicherweise auch noch viele, obwohl wir nicht mehr mit Bedro­hungen für uns und unsere Familie rechnen müssen. Nicht in Europa, der westlichen Welt. Woanders aber sehr wohl. Wir leben zu Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung. Das heißt, die ganze Welt ist uns sehr nahe, Bilder und Information von der ganzen Erde können blitzschnell bei uns sein, und wir können mit einem Klick darauf reagieren. Und ihr Elend ist immer schwerer zu ignorieren, zumal die weltweiten Flucht­bewegungen uns inzwischen auch bei uns zuhause erreicht haben. Für welche Sache, für welche Idee, für welche Werte und Ideale treten wir ein, auch wenn es nicht einfach sein sollte? Und haben wir so viel Gott­vertrauen und Mut wie eine Argula von Grumbach, sind wir so sozial und am Mitmenschen interessiert, leben wir also die Nächstenliebe so unbeirrt wie Katharina Zell in Straßburg, treffen wir so kluge politi­sche Entscheidungen wie die fürstlichen Gönnerin­nen der Reformation? Es könnte sein, wir folgen dann wie sie auch dem nach, der unserem Glauben den Namen gegeben hat. Es kann aber auch sein, jemand hat einfach ein gutes Herz oder kann Ungerechtigkei­ten nicht ertragen. Aber Argula und andere mutige Streiterinnen der Reformation können uns daran er­innern, dass es sich lohnt, sich für eine Sache oder für andere einzusetzen. Dass dies über die Jahrhunderte zu verstehen möglich ist, dass eine Solidarität der Tat vielleicht daraus folgen kann, das ist wahrscheinlich der Argula-Effekt.

Dr. Bettina Marquis, Bildungsreferentin Landesverband Bayern

 

 

 

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Gedenkmedaille mit Portrai Argula von Grumbach
Gedenkmedaille auf Argulas Kampf, Geschenk ihrer Brüder