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Besinnung für August 2015

|   Besinnung

Von einer Reise bringt man gern ein Souvenir mit. Muscheln vom Strand, einen schönen Stein von der Wanderung in den Bergen, ein Schmuckstück oder irgendetwas Typisches für den Ort, an dem man war.

Im Anfang war das Wort

Ich bin gerade in Wittenberg gewesen, auf Luthers Spuren, und habe mir die Cranach-Ausstellungen angesehen, die dort anlässlich des 500. Geburtstags von Lucas Cranach d. J. gezeigt werden. „Reformation – Bild und Bibel“ ist das diesjährige Thema der Lutherdekade, die auf das Jubiläumsjahr 2017 vorbereitet. Im Touristenbüro, wo man die Eintrittskarten zur Ausstellung bekommt, kann man jede Menge Souvenirs kaufen: von der Lutheruhr über die Luthertasse bis zum Thesenplakat quasi alles. Unter den vielen Angeboten auch eine kleine playmobil-Schachtel mit einer Lutherfigur zum Zusammensetzen. Sozusagen ein „Bausatz Luther“. Nach Auskunft einer Verkäuferin: ein Renner.

Ist das nicht Kitsch?! Vielleicht sogar despektierlich unserem großen Reformator gegenüber, ihn als Spielzeug Kindern in die Hände zu geben?

Ich konnte nicht widerstehen, habe alle Bedenken beiseite geschoben und mir eine Schachtel erstanden. Mehr als ein Gag sollte es eigentlich nicht sein. Beim näheren Hinsehen war ich dann doch überrascht!

Vorn auf der Schachtel sieht man die Figur schon fertig zusammengesetzt. Dazu das Logo der Dekade mit einem der bekannten Cranach-Portraits des Reformators und dazu das Motto in Englisch „IN THE BEGINNING WAS THE WORD LUTHER 2017 500 YEARS OF REFORMATION“. Das ist schon viel Information für Klein und Groß in Bild und Wort auf der Außenseite. Dazu auch für die zu lesen, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Der Inhalt ist also von  internationalem Interesse! Oder habe ich ein Exemplar für Ausländer erwischt?

 

Zuhause habe ich mein Mitbringsel aufgemacht und drei Dinge in der Schachtel gefunden. Vor allem natürlich das Tütchen mit dem Lutherbausatz. Dazu einen kleinen Informationsflyer zu Luther mit einem Cranach-Portrait von 1528 und einer Landkarte, auf der die wichtigen Orte von Luthers Leben und Wirken markiert sind. Beachtlich der kurze Informationstext in einer playmobil-Schachtel: „Wenn – wie es das Johannesevangelium sagt – am Anfang aller Dinge das Wort war, dann war der Beginn der Reformation eine These. Genauer gesagt 95 Thesen, die Martin Luther am 31. Oktober des Jahres 1517 an die Tür der Schlosskirche nagelte und die sich gegen den Ablasshandel richtete – jenes einträgliche Geschäft, mit dem die Kirche Sündenerlass gegen Bares anbot. Martin Luther und die Reformation haben Deutschland und die Welt verändert – und Spuren hinterlassen.“ Auf Deutsch und Englisch zu lesen.

Als Drittes im Päckchen ein kleiner Prospekt mit anderen playmobil-Angeboten für Kinder: Burgen und Ritter, Feuerwehr und Polizei, auch ein Campingplatz und ein Feenschloss für Mädchen. Klar, es geht der Firma auch ums Geschäft, und klappern gehört dazu.

 

Dann habe ich mir das Beutelchen näher angesehen. Aus 7 Teilen wird die Lutherfigur zusammengesetzt. Zuerst bekommt sie den schwarzen Talar über die Schultern und das Barett auf den Kopf. So mag er in Wittenberg gelehrt und gepredigt haben, der Herr Professor, der sich mit der Heiligen Schrift und der Gestalt seiner Kirche auseinandergesetzt hat. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“. In seinem Ringen um Gottes Gnade wurde ihm das Wort der Heiligen Schrift zur wichtigsten Quelle. Denn nicht die Kirche spendet das Heil, das der Seele Frieden verschafft, sondern allein Gottes Wort spricht es dem Menschen zu. Deshalb war es Luther so wichtig, dass nicht nur die Kleriker und Gelehrten den Zugang zu dieser Quelle haben. Er wollte, dass jeder für sich selbst aus ihr schöpfen und das Evangelium in der eigenen Sprache hören und verstehen kann. Deshalb hat er die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzt.

Die beiden Dinge, die der kleinen Lutherfigur in die Hand gegeben werden, hätten nicht besser gewählt sein können!

In die eine Hand gehört eine Bibel. Sie ist golden! Das soll zeigen, wie wertvoll sie ist. Sie ist der wahre Schatz, den Menschen besitzen können, ist kostbarer als Gold und Silber und Ruhm und Ehre. Diesen Schatz hat Luther gleichsam für seine Brüder und Schwestern aus dem Acker der Kirche ausgegraben und mit ihnen geteilt.

In die andere Hand gehört der Federkiel aus dem Tütchen. Auch das ist perfekt getroffen. Die Feder  war Luthers Werkzeug. Neben der Bibelübersetzung hat er wichtige Schriften verfasst, z.B. an „den christlichen Adel deutscher Nation“, über „die babylonische Gefangenschaft der Kirche“, von der „Freiheit eines Christenmenschen“. Zahllose Predigten hat er geschrieben, einen kleinen und einen großen Katechismus, Lieder, Gebete und Briefe über Briefe. Er wird die Feder wohl selten aus der Hand gelegt haben.

Die Bibel und der Federkiel, das sind die Waffen, mit denen Luther für den Glauben und die Erneuerung der Kirche gekämpft hat. Leider haben die Fürsten und die Bauern damals auch zu anderen Waffen gegriffen und sich um des Glaubens willen blutig bekämpft. So, wie zu allen Zeiten. Das Ritterschwert und die Axt scheinen den Fanatikern immer schärfer zu sein und schneller zum Erfolg zu führen als den Kampf mit den Waffen des Geistes auszufechten.

Bleiben noch zwei Winzlinge im Tütchen übrig: 2 weiße Ärmelmanschetten. Die wären eigentlich nicht mehr nötig gewesen. Sollen sie das triste Schwarz aufhellen, etwas freundlicher machen, oder geht es um die Zahl? Die 5 ist vielleicht zu weltlich. Die Zahl 7 ist besser. Die 7 erinnert an die sieben Schöpfungstage, in denen das schöpferische Wort Gottes steckt, das alles ins Leben gerufen und allem Gestalt gegeben hat. „ Im Anfang war das Wort …“.

Damit sind wir wieder bei der Außenseite der Schachtel für den playmobil-Bausatz „Luther“. Kitsch? Ja, vielleicht. Trotzdem eine pfiffige Idee. Ich finde es nicht schlecht, sie Kindern in die Hand zu geben. Lieber mit Luther spielen als mit den schwertkämpfenden Rittern und feuerspeienden Drachen.

Eine Zahl auf der Schachtel lässt uns übrigens wissen, dass der Inhalt für kleine und große Menschen gedacht ist - von 4 bis 99!

 

Ulrike Börsch

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