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Besinnung für den Monat April 2015

|   Besinnung

Karfreitag. In der Kirche habe ich nach dem Gottesdienst eine Kerze angezündet für den ungückseligen Todespiloten und die 149 Menschen, die er mit in den Tod gerissen hat. Und eine Kerze für seine Mutter.

Jesus stirbt am Kreuz und unter dem Kreuz -  Maria. Welcher Schmerz für eine Mutter, wenn ihr Kind stirbt! Das zerreißt ihr das Herz. Wie grausam für Maria, diesen qualvollen Tod mit ansehen zu müssen. Die Schmerzen, die Qualen ihres Sohnes wird sie am eigenen Leib spüren. Er ist ihr Fleisch und Blut.

Kann ein Mensch das aushalten? Hält die Liebe das aus, die Mutterliebe?

Oder wird einem in solchen Augenblicken das Fühlen gnädig genommen und das Herz betäubt – als wäre man tot?

Ich denke an die Mutter des Todespiloten. Auch sie hat ihren Sohn verloren. Er hat offenbar nicht mehr leben wollen. Ich habe sie manches Mal erlebt, die Ratlosigkeit und Verzweiflung der Angehörigen nach einem Freitod in der Familie. Warum hat er, hat sie das getan? Nichts hat die Tat angekündigt! Es gibt keine Erklärung. Alles war doch in Ordnung, alles gut. Und doch ist nichts mehr, wie es war, und wird nie wieder so sein.

Man weiß, die Frage nach dem Warum hilft nicht, weil sie niemand beantworten kann. Aber sie ist da. Wir wollen das Unbegreifliche verstehen und den Abgrund, der da plötzlich aufgerissen ist, wieder verschlossen sehen. Und es gelingt uns nicht.

Ich denke an diese Mutter. Wie tief, wie abgrundtief muss ihr Schmerz sein. So viel unschuldiges Leben hat ihr Kind mit in sein Grab gerissen, so vielen Menschen Leid angetan. Das wird ihr schwer auf der Seele liegen. Kann ein Mensch mit einer solchen Bürde leben? Und wer könnte helfen, sie zu tragen?

Ich habe eine Kerze für sie angezündet, ein kleines Licht in unserer Trauer unter dem Kreuz. Und ich warte auf das Osterlicht, das uns das Leben verheißt, wie tief und dunkel die Nacht um uns her auch sein mag.

Osternacht. Draußen vor dem Kirchenportal brennt das Osterfeuer. Wir sitzen in der dunklen Kirche, haben die alten Worte gehört von der Erschaffung der Welt, und wie Gott es reut, dem Menschen seine Schöpfung in die Hand gegeben zu haben, denn „das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend an“. Dunkel sind die Geschichten, die wir in der Finsternis hören, Geschichten von Sünde und Tod, von Vernichtung und Bewahrung. Schreckliche Geschichten, aber nicht schrecklicher als das, was heute draußen geschieht: Menschen sind auf der Flucht vor Krieg und Gewalt; Tausende, die hoffen, in überfüllten Booten über die stürmische See ans rettende Ufer zu kommen; Hass und bestialische Morde im Namen der Religion und zur Ehre Gottes; Entführung, Vergewaltigung und brennende Häuser und auf unseren Straßen Menschen, die sagen:“ Wir wollen keine Fremden unter uns haben“. Auch unter uns tobt sich das Böse aus und glaubt sich im Recht.

In das Dunkel hinein ertönt der Ruf: „ Christ, unser Licht!“ Noch sieht man das Osterlicht nicht. Noch antworten nur wenige Stimmen: „Gelobt sei Gott!“ Der kommt Ruf näher. Dann ist das Licht zu sehen, und lauter stimmt die Gemeinde in das Gotteslob ein. Als das Licht am Altar angekommen ist, wandert es zu den Kerzen, die die Menschen in Händen halten. Wir sind nicht mehr im Dunkeln. Im Schein der Kerzen leuchten unsere Gesichter auf. Jeder, jede kann es sehen: Ich bin nicht allein! Wir sind viele. Wir sind eine große Gemeinde. Die Kirche ist voll. So voll wie an Weihnachten, als wir die Ankunft Gottes in unserem Menschenleben gefeiert haben. Jetzt schenkt Gott uns sein Licht, das den Tod und die Finsternis überstrahlt. Gott will dem Menschen das Böse nicht mehr vergelten. Mir fällt der Vers aus dem 139. Psalm ein: „ Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag“.

Es ist Mitternacht, und die Nacht leuchtet wie der Tag. Aus dem Tod kommt uns das Licht entgegen. „ Fürchtet euch nicht!“ ruft uns der Engel des Osterevangeliums zu. „Christus ist auferstanden!“

Das Leben, das Gott schenkt, reißt ihm niemand aus der Hand. Nicht der Tod,  nicht das Kreuz, nicht Menschenhass und nicht mutwillige Zerstörung. Auch nicht das verzweifelte Herz, das keinen Tag mehr sieht.

Wir halten die kleinen Kerzen in unseren Händen, unsere Osterlichter. Uns ist das Leben geschenkt. Mitten in der Nacht. Und die Nacht leuchtet wie der Tag. Jedes Menschen Nacht kann hell werden durch Christus, unser Licht. Gottlob!

Das glaube ich und das sollen wir weitersagen – in Jesu Namen.

Ulrike Börsch

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