Skip to main content

Besinnung für Januar: Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. (Rm.15,7)

|   Besinnung

Durch das Jahr 2015 wird uns ein Wort aus dem Römerbrief begleiten. Wenn ich die Worte lese, denke ich spontan nicht an den Apostel Paulus, der bei all den praktischen und geistlichen Fragen zu Rate gezogen wird, die sich im Glaubensalltag der ersten Christengemeinden auftaten. Ich fühle mich in unseren Abendmahlsgottesdienst versetzt und höre die Worte des Friedensgrußes:

„Der Friede des Herrn sei mit euch allen! Keiner sei wider den anderen, keiner ein Heuchler; vergebt, wie euch vergeben ist; nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Immer, wenn wir Abendmahl feiern, wird uns die Jahreslosung begegnen. Da, wo wir uns am Tisch des Herrn versammeln, wo wir hinkommen dürfen wie wir sind, mit unseren Ecken und Kanten, beladen mit allem, was uns auf den Schultern und auf dem Herzen liegt und mit  unserem Hunger nach neuer Lebenskraft . Da erfahren wir, dass wir das Schwere ablegen dürfen.  Jede von uns ist angenommen und als Gast willkommen bei dem Mahl. Und da isst nicht jede für sich, so wie es viele heute in ihrem Alltag erleben. Da stehen wir in dem großen Kreis der Menschen, die die Einladung Gottes gehört und angenommen haben. Und das ist ein großer bunter Kreis, der die ganze Welt umspannt und über alle Grenzen geht. Da steht groß neben klein, mutig neben verzagt, erfolgreich neben gescheitert, arm neben reich, von weither kommend neben alteingesessen, geliebt neben verhasst, sicher im Glauben neben zweifelnd und voller Fragen. Und auch das: Mann neben Frau vollkommen gleichberechtigt.

 

Der Friede Gottes, der uns da zugesprochen wird, begleitet uns auf unserem Weg durch das Jahr. Er wird wie ein schützender Raum sein, so, wie ihn der Beter des 23. Psalms beschreibt: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein“. Auch da, wo Kämpfe um uns herum toben, wo wir vielleicht selbst in Auseinandersetzungen stecken, gibt es für uns einen Ort des Friedens. Da wird nicht gekämpft; da muss ich nicht auf Angriffe gefasst sein; da muss mich nicht verteidigen; da werde ich nicht verletzt. An diesem Ort kann ich zur Ruhe kommen und werde an Leib und Seele gestärkt.

 

Der Friedensgruß spricht uns den Frieden Gottes in der Mahlgemeinschaft nicht nur zu.     Wir nehmen ihn auch mit, damit er dahin gelangt und da wirksam werden kann, wo sich unser Leben abspielt. In der Oase können wir ja nicht bleiben. Da machen wir nur Station auf unserem Weg. Wir müssen zurück in unsere zerrissene Welt, in der an vielen Orten gekämpft wird und Menschen vor Mord und Totschlag auf der Flucht sind. Auch da können wir Orte des Friedens schaffen.

Wie das geschehen kann?

Versuchen wir, dem Wegweiser des Friedensgrußes folgen!

„Keiner sei wider den anderen“. Frieden kann nur beginnen, wo Menschen ihre Waffen niederlegen, wo ich im anderen nicht den Feind sehe, der mir streitig machen will, worauf ich glaube, Anspruch zu haben. „Liebet eure Feinde“, sagt Jesus.“Tut wohl denen, die euch hassen“. Das ist ein hoher Anspruch, dem wir wohl alle nicht genügen. Wer kann das schon: den, der einen bis aufs Blut peinigt, lieben? Die lieben, die einem das Haus zusammengeschossen haben! Denen wohlgesonnen sein, die einen durch Betrug in den Ruin getrieben haben! Dennoch: den ersten Schritt tun in einem Streit und nicht darauf warten, dass ihn der andere tut, das gibt dem Frieden eine Chance. Sich gegenseitig nichts mehr vormachen. Nicht die Starke spielen, die nichts erschüttern kann. Die Maske ablegen, hinter der ich die eigene Schwäche und meine Angst verstecke. Zu mir stehen und mich so zeigen, wie ich bin: nämlich verletzlich und verwundbar und besorgt um das eigene Leben – genau wie mein Gegenüber auch.

Und auch das ist ein Schritt zum Frieden: sich gegenseitig nicht täuschen, die eigene Wahrheit nicht hinter dem Berg halten und dabei die des anderen aushalten.

Wenn Gott uns aushält mit unseren Schwächen und Verfehlungen  und uns in großer Vielfalt geschaffen hat, dann sollten doch auch wir versuchen, einander anzunehmen wie Christus, der mit Menschen Gemeinschaft suchte, die alles andere als perfekt waren. Wie mit Petrus mit seinem Übereifer und seiner Selbstüberschätzung, wie mit Thomas, dem Zweifler, der für seinen Glauben handfeste Beweise brauchte, wie mit der Frau, die ihn mit ihrem kostbaren Öl salbte. Jesus setzte sich mit Pharisäern und Zöllnern an einen Tisch, kehrte bei Maria und Martha ein und im Haus eines Aussätzigen. Er heilte den Knecht eines römischen Hauptmanns genauso wie die Tochter des Jairus und eine blutflüssige Frau. Alle diese Menschen sollten erfahren, dass Gott jedem Menschen zugewandt ist und jeder Mensch Anteil haben kann an seiner vergebenden Liebe.

 

Vergebt einander das Böse, das zwischen euch steht. Zieht einen Schlussstrich unter den Streit, der euch entzweit hat. Ihr vergebt euch nichts dabei! Im Gegenteil.

Ihr werdet nur gewinnen! Ihr werdet nicht einsam und verbittert durch das Jahr gehen müssen. Ihr werdet Freunde und Gefährtinnen an euren Seite haben und eine unbelastete Zukunft vor euch.

 

„Der Friede des Herrn sei mit euch allen. Keine der anderen feindlich gesonnen, keine verstecke ihr wahres Gesicht; vergebt, wie euch vergeben ist und akzeptiert einander in eurer Verschiedenheit wie Christus euch akzeptiert zum Lobe Gottes“.

Lasst uns einander „Zeichen des Friedens“ geben und Botinnen der Freundlichkeit unseres Gottes sein auf unserem Weg durch das Jahr.

 

Ulrike Börsch

Zurück