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Besinnung für Juli und August 2015

|   Besinnung

IM JULI UND AUGUST-

Seit Jahren, im Juli und August,

wenn die Villen, Ämter, Schulhäuser

und Fußballplätze verödet sind,

bekomme ich täglich Grüße von fern.

Der Briefträger wirft

einen Alphornbläser samt Gebirge,

die Seufzerbrücke, den Denker von Rodin,

einen Serben in Pluderhosen,

auch das schilfbestandene Ufer einer Nordsee-Insel

in meinen Kasten.

Freunde erinnern sich meiner,

nachdem sie ohne mich fortfuhren.

Rainer Brambach

 

Im Juli und August bekomme ich täglich Grüße von fern, schreibt Rainer Brambach in seinem Gedicht. In diesem Jahr bliebe auch sein Kasten meist leer. Die Post streikt. Da geht es um mehr Lohn und um Arbeitnehmerrechte. Dass Briefe und Urlaubsgrüße uns pünktlich erreichen, ist gegenwärtig Glückssache. Aber der Kasten bleibt nicht gänzlich leer. Manchmal überrascht uns die Post, und den Daheimgebliebenen flattern die bunten Karten ins Haus.

 

Blaues Meer, das in einen ebenso blauen Himmel übergeht. Dazwischen malerische weiße Häuser. Zwei alte Frauen sitzen in schwarzen Kleidern auf blauen Stühlen vor einer grünen Haustür. Neben ihnen blüht üppig eine Hortensie, und auf der Mauer döst eine rote Katze.

Hellas! Kreta, Rhodos, Karpathos, Ägäis …. Urlaubsparadiese.

Erinnerungen werden wach an Griechenland, an eigene Sommertage auf Rhodos. Kein Urlaubstrip, sondern mehrere Wochen Dienst in einer deutschsprachigen Gemeinde. Eine Gemeinde von Frauen aus Deutschland, Österreich, Holland, der Schweiz, alle verheiratet mit griechischen Männern und auf Rhodos seit Jahrzehnten zuhause. Ich denke an den herzlichen Empfang. Mit offenen Armen kamen sie mir entgegen, als gehörte ich zur Familie, wäre nur weg gewesen und jetzt wieder zurück. Freundlichkeit und offene Arme auch bei dem Kaufmann und seiner Frau in dem kleinen Supermarkt um die Ecke, bei der Nachbarin und im Cafe.

Ich denke an die Freunde dort. An Savas und Christel. Jahrzehnte hat er als Gastarbeiter in Württemberg gearbeitet, dort seine Christel geheiratet und ist mit ihr in seine Heimat zurückgegangen. Stolz hat er meinem Mann und mir seine Olivenbäume vorgeführt, dann das Schmetterlingstal, Petaloudes: sein Land, sein Rhodos und wir: seine Freunde. Unumgänglich, in der Mittagshitze die Kässpätzle zu essen, die Christel für uns gekocht hatte.

Ich denke an Veronika. Sie ist Witwe, lebt in ihrem Haus zusammen mit ihrem Sohn, der im Management von einem der Hotels am Strand arbeitet. Sah alles gut aus, trotzdem machte sie sich Sorgen um die Zukunft ihres Sohnes. Seine Arbeit ist Saisonarbeit und abhängig vom Tourismus. Über Monate ist er ohne Job und ohne Einkommen.

Wenn ich im Supermarkt um die Ecke für mich einkaufte, staunte ich über die Preise. Milchprodukte waren enorm teuer, auch Obst und Gemüse nicht billiger als bei uns, und ich fragte mich, wie die Menschen mit diesen Preisen und ihrem geringeren Einkommen hinkommen und dabei so gastfreundlich sind, als könnten sie aus dem Vollen schöpfen.

Auch die beiden Frauen, die vor ihrer grünen Tür sitzen, wären aufgestanden und hätten mir einen Tee angeboten. Sehr süß natürlich.

 

Ich rieche den würzigen Duft der Kräuter, höre den Gesang der Zikaden, sehe das flirrende Licht auf den Wellen des Meeres. Ich spüre den Wind, der vom Wasser her kommt und die Hitze erträglich macht.

Ich erinnere mich meiner Freunde, liebe ihr Land, und ich will nicht, dass die täglichen Bilder von dem politischen Hick-Hack um Euro und Schuldenkrise all das zudeckt und in den Hintergrund drängt, dass es um diese Menschen geht.

Um unsere Freunde mit den offenen Armen und ihre Familien, um ihre Existenz und ihre Zukunft, ihre Ängste und Hoffnungen, um ihr Land, um ihre Heimat und unser Ferienparadies.

 

Ulrike Börsch

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