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Besinnung für März

|   Besinnung

DU BIST SCHÖN! Sieben Wochen ohne Runtermachen-Ich finde sie nicht schlecht, diese Aktion „sieben Wochen ohne“ in der Passionszeit. Wo die gemeinsamen religiösen Rituale abhanden gekommen sind, ist die Einladung, allein oder in Gemeinschaft in den Wochen vor Ostern Verzicht zu üben, eine gute Sache. Diesmal also das Motto: „DU BIST SCHÖN! Sieben Wochen ohne Runtermachen“.

Ich gebe zu, ich war zunächst erstaunt. Nicht wegen des Zuspruchs, den wir ja alle gern hören, jung oder alt: „Du bist schön“. Nein, der Nachsatz hat mich ins Grübeln  gebracht. Sieben Wochen ohne Runtermachen? Wo soll ich das denn lassen? Wen mache ich runter? Und wer macht das mit mir? Im Nachdenken darüber entdecke ich, wie privilegiert ich offenbar bin. Nein, da fällt mir niemand ein, der oder die mich runtermacht. Nicht mein Mann, nicht meine Freundin, keine Bekannten, auch keine Kolleginnen oder Kollegen, keine Vorgesetzten mehr. Manchmal die Nachbarin vielleicht, wenn sie sich lautstark ärgert, dass da wieder ein vorwitziger Zweig durch den Zaun in ihren Garten gewachsen ist und ich ihn nicht abgeschnitten habe. Aber das fällt ja nicht ins Gewicht!

Im weiteren Nachdenken fällt mir ein, wie Frauen sich runtermachen können: über ihr Aussehen, über ihre Figur, ihre Kleidung, darüber, wie sie mit ihren Kindern umgehen und wie sie ihren Haushalt führen. Hausfrauen haben sich über die Berufstätigen ereifert und umgekehrt, Kolleginnen im Betrieb gegeneinander intrigiert, hinten herum mit üblen Tricks. Und auch das kennen wir Frauen: die Mutter bekrittelt die Tochter und die Tochter die Mutter. Da steht die eine der anderen in nichts nach. Ja, Frauen können sich gegenseitig trefflich runtermachen. Und am besten schaffen wir es mit uns selbst. Auf die Frage, was Frau an sich selbst nicht gefällt, fällt ihr viel ein. Wenn sie sagen soll, was sie an sich mag, was sie gar an sich schön findet, muss sie nachdenken. Aber auch Männer verstehen sich gut auf´s Runtermachen! Vor allem auf das Runtermachen von Frauen. Da stehen sie uns in nichts nach. Nur läuft es bei ihnen ein bisschen anders.

Schlimmer noch finde ich das Runtermachen, das sich unter Kindern und Jugendlichen breitgemacht hat. Das tut mir richtig weh! Da wird gemobbt und geschmäht und gequält, und das bleibt heute nicht mehr im Klassenzimmer, auf dem Schulhof oder in der Mädchenclique. Demütigende Videos werden ins Netz gestellt, von Handy zu Handy gemailt und auf facebook gepostet. Von wegen: Du bist schön! Da ist dann das peinliche Foto oder die verletzende Lüge für jedermann sichtbar.  Und das bleibt stehen! Für viele, viel zu viele Jugendliche ist das der Alltag. Grausamer Alltag. Vor allem für die, die zu „Opfern“ erklärt werden. Wer sich gegen die Starken nicht wehren kann, wer Schwäche zeigt, ist „Opfer“. Und: einmal Opfer, immer Opfer, sagen die Täter frech.

Passionszeit. Im Raum der Kirche gehen wir dem Leidensweg Jesu nach. Er hat die Not der „Opfer“ seiner Zeit gesehen. Er hat nicht weggeschaut, hat nicht über sie gelacht. Er hat sich an ihre Seite gestellt und hat die Runtergemachten aufgerichtet. In Gottes Augen bist du nicht hässlich verkrümmt, nicht bloßgestellt, nicht wertlos für die Gemeinschaft und nicht aus eigener Schuld am Boden. In Gottes Augen bist du sein Geschöpf und würdig, deinen Kopf zu Gott zu erheben. Wie jeder, jede andere auch.

Wer sich auf die Seite der Opfer stellt, wird leicht selbst zum Opfer. Jesus nimmt es auf sich. Er hält aus, was die, die sich gegen die Starken und Mächtigen nicht wehren können, erleiden. Er hält die falschen Beschuldigungen aus, den Verrat des Freundes, die Feigheit des Pilatus, der Wahrheit zum Recht zu verhelfen, den Spott der Folterer, das Hohnlachen über seinen Glauben, das Todesurteil, das er nicht verdient hat. Und am Ende bittet er Gott für sie alle: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Vielleicht wissen sie es wirklich nicht, unsere Kinder, was sie tun, wenn sie sich gegenseitig quälen und glauben, das sei ein lustiges Spiel. Wir Erwachsenen sollten wissen, was wir tun, jedenfalls wir Christinnen und Christen. Aber unsere Erwachsenenwelt gibt unseren Jugendlichen leider zu oft kein gutes Beispiel. Respektlosigkeit ist cool. Nicht nur unter Kindern. Sie haben es sich bei den Großen und ganz Großen abgeguckt! Da gibt das Fastenangebot „sieben Wochen ohne Runtermachen“ einen guten Anstoß, nachzudenken und sich selbst unter die Lupe zu nehmen. Und dabei merke auch ich, dass ich doch nicht so frei davon bin, „runterzumachen“, wie ich anfangs gedacht habe.

Wie schnell ist eine abfällige Bemerkung über einen anderen unbedacht über die Lippen gekommen! Wie leicht hat man von einem Menschen klein oder negativ gedacht oder einen abfälligen Blick auf ihn geworfen. Davon ist, glaube ich, niemand frei.

Ja, das täte uns gut, wenn wir uns ansehen könnten, wie Jesus die Menschen sah: mit der Liebe, die das Gute sieht, die Schönheit, und nicht zuerst nach den Makeln sucht; mit der Liebe, die dem anderen Raum gibt, ihn anders sein lässt als das eigene Bild von ihm aussieht; mit der Liebe, die sich nicht selbst genügt, die den anderen Menschen braucht, um ganz zu sein.

Glücklich kann sich schätzen, wer so angesehen ist. Ja, die gibt es! Die haben´s gut! Denen braucht man nicht zu sagen: DU BIST SCHÖN. Sie strahlen einfach.

Ulrike Börsch

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