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Besinnung für Mai 2015

|   Besinnung

Der Mai beginnt mit dem Erinnern an das Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren und katapultiert uns zurück in das Jahr 1945. Der Krieg ist aus, die Alliierten haben gesiegt, Nazideutschland hat kapituliert, die Welt ist befreit von einem Wahnsinnsgemetzel und einem menschenverachtenden Größenwahn.

In den Medien die Bilder von damals in schwarz-weiß: die in Trümmer gelegten Städte; Panzer, die durch enge Dorfstraßen rollen; Menschen, die weiße Tücher schwenken, nur nicht mehr schießen; Feuer, in denen eilig Uniformen und Hitlerbilder verbrannt werden; Flüchtlingskolonnen auf dem Weg ins Ungewisse und Soldaten der Alliierten, die die Tore der KZs öffnen und das Grauen offenbaren, das sich dahinter verbirgt: Schattenmenschen, zu Skeletten abgemagerte Überlebende und Berge von Leichen, von Kleidern, Schuhen, Haaren und Koffern.  - Und zwischendrin ein einzelnes Schicksal farbig ins Bild gesetzt, Anne Franck und ihr Tagebuch.

Ja, erinnern muss sein. Auch, wenn es an die Grenze des Erträglichen geht und diese Wunde in unserem Deutsche-Sein immer wieder neu aufreißt. Sie kann nicht wirklich heilen.

Wir haben die Gedenkfeiern an die Befreiung der KZs miterlebt, habe die Reden unserer Repräsentanten gehört. Keine leichte Aufgabe für die, die auf das Podium steigen. Wie soll man angemessene Worte finden für das Unsägliche, das uns als Hypothek auf den Schultern liegt und unsere Geschichte ist?

Wir haben die Berichte der Überlebenden gehört, die noch einmal zurückgekehrt sind an die Orte des Schreckens, in hohem Alter und mit ihren Angehörigen, damit wir nicht vergessen, was da geschah, und dass es wirklich so war, so grausam, und weil es ihre Geschichte ist.

 

Wie sollen sie, wie können wir begreifen, dass es heute in unserem Land wieder geboten ist, vor Synagogen und jüdischen Schulen Polizisten zum Schutz und zur Sicherheit aufzustellen?! Wie ist es möglich, dass in unseren von Leben und Geschäftigkeit pulsierenden Städten Tausende auf die Straße gehen und gegen die Aufnahme von Flüchtlingen in unserer Mitte demonstrieren?! Dass wieder Häuser brennen, weil man keine Art-Fremden in der Gemeinde haben will und junge Leute sich radikalisieren lassen, sei es durch Islamisten oder die alten Naziparolen!

 

Auch das ist 1945. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland beginnt in den Trümmern der Kirche ein neues Fundament zu legen. Und das beginnt mit der Stuttgarter Schulderklärung, an die ich hier erinnern möchte.

„… Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Nun soll in unseren Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. Gegründet auf die Heilige Schrift, mit ganzem Ernst ausgerichtet auf den alleinigen Herrn der Kirche gehen sie daran, sich von glaubensfremden Einflüssen zu reinigen und sich selber zu ordnen. Wir hoffen zu dem Gott der Gnade und Barmherzigkeit, dass er unsere Kirchen als sein Werkzeug brauchen und ihnen Vollmacht geben wird, sein Wort zu verkündigen und seinem Willen Gehorsam zu schaffen bei uns selbst und unserem ganzen Volk.      ( … )

Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen dem Geist der Gewalt und Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

So bitten wir in einer Stunde, in der die ganze Welt einen neuen Anfang braucht: Veni creator spiritus!

Stuttgart, den 18./19. Okt. 1945 „

 

Die Bitte um den Geist der Liebe und des Friedens ist heute so dringend und brennend wie vor 70 Jahren. Weil wir Menschen so sind, wie wir sind, eben frei zum Guten und zum Bösen, fähig zum Krieg und zum Frieden und auch fähig zur Liebe und zum Hass. Es ist ein immerwährendes Ringen, im Geist Jesu zu leben und seiner Spur zu folgen. Darum brauchen wir den Geist, den wir an Pfingsten feiern, der uns das Herz brennen lässt für das von Gott geschenkte Leben und uns den Mund aufmacht, wo ihm Gewalt angetan wird.

Veni creator spiritus!

 

Ulrike Börsch

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