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Besinnung für September 2015

|   Besinnung

Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe in dein Haus. ( Jes.58,7 )-

Seit Monaten erschüttern uns die Bilder des Flüchtlingsdramas, das sich vor unseren Augen abspielt.

Wir sehen in den Abendnachrichten, wie Menschen versuchen, in windigen Booten über das Mittelmeer zu kommen und sich skrupellosen Schleppern anvertrauen, nur, um rauszukommen aus Krieg und Gewalt, aus der permanenten Bedrohung und der Angst, den nächsten Angriff nicht zu überleben. Viele haben die rettenden Ufer der griechischen und italienischen Inseln nicht erreicht, sind mit ihren Booten gesunken oder unter Deck erstickt. Und die es geschafft haben, überfordern die Insulaner. Es gibt keine Unterkünfte, kaum Verpflegung für die vielen, keine medizinische Versorgung. Die Menschen wollen ja auch nicht bleiben. Sie wollen weiter, am liebsten nach Deutschland, nach Frankreich, England, Schweden, dahin, wo kein Krieg ist und wo es den Menschen gut geht. Zu Tausenden haben sie sich auf den Weg gemacht und stehen nun vor unserer Tür.

Am Wochenende dann Déjà-vu-Bilder im Fernsehen.

Tausende drängen in Ungarn zur Grenze nach Österreich, viele junge Leute und Eltern mit Kindern. Die meisten wollen nach Deutschland. Es ist wie damals, als Ungarn die Grenze öffnete für die Flüchtlinge aus der DDR, die in den Westen wollten, in die BRD, aus dem Zwang in die Freiheit und, ja, auch in das vermeintliche Schlaraffenland, das dann in der Realität gar keins war.

Auch diesmal wie vor 25 Jahren, große Hilfe bei der Ankunft in Österreich und ein jubelnder Empfang der Züge, die in München ankommen. Die spontane Hilfe für die Ankommenden ist überwältigend. „Ihr seid willkommen hier“ ist die Botschaft an die Flüchtlinge, und es sind weitere Tausende noch auf dem Weg. Ob auch sie mit demselben Jubel und freigebigen Händen empfangen werden? Wir wissen, nicht alle in unserem Land sind offen für die Flüchtlinge. Flüchtlingsunterkünfte brennen bereits in verschiedenen Bundesländern. Und der Bund, die Länder und Kommunen stehen vor der Aufgabe, für den Ansturm der Menschen Unterkünfte und Versorgung bereitzustellen. Wer realistisch ist, weiß, dass die wirklichen Herausforderungen erst noch kommen.

Die Flüchtlinge hoffen, angekommen zu sein. Sie sehen sich nicht mehr auf der Durchreise. Sie möchten hier in Frieden leben, Arbeit und eine Wohnung finden und als Menschen willkommen sein so, wie sie sind, mit ihrer Mentalität, ihrer Kultur und ihrem Glauben.

Um sie bei uns willkommen zu heißen, reicht es nicht, sich von ein paar nicht mehr getragenen Kleidungsstücken zu trennen und den Kindern Spielsachen und Schokolade zu schenken. Auch Zeltlager und Notunterkünfte reichen nur fürs erste. Wir müssen ihnen Platz machen in unserem Leben, bereit sein, unseren Alltag mit ihnen zu teilen und sie integrieren in unsere Gesellschaft.

Wie soll, wie kann das gehen?!

Papst Franziskus hat da in seiner unkonventionellen und praktischen Art einen konkreten Vorschlag gemacht. Er meint, jede christliche Gemeinde könne doch eine Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen und ihr ein Zuhause geben. Der Vatikan wolle mit zwei Familien mit gutem Beispiel vorangehen. Ist ein genialer Gedanke! Platz wäre wohl da, auch bei uns. In unseren Dörfern stehen viele Häuser leer, und in vielen Häusern, die einmal für eine Familie gebaut wurden, wohnt nur noch eine Person.

Erinnern Sie sich daran, wie nach dem Krieg für den großen Strom der Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands und die Vertriebenen Raum geschaffen wurde? Sie wurden in den heil gebliebenen Häusern im ganzen Land untergebracht bei den Familien, die da wohnten. Leicht war das nicht! Es gab reichlich Konflikte und Vorurteile zu überwinden. Die, die kamen, hatten durch den Krieg und auf der Flucht fast alles verloren. Und die, die ihr Hab und Gut über den Krieg hatten retten können, mussten nun teilen. Die Städter landeten auf dem Dorf und Katholiken in den Häusern von Evangelischen und umgekehrt. Das gab viel Zündstoff, aber das Miteinander gelang. Es hat unsere Gesellschaft bunter und lebendiger gemacht, der christlichen Kirche  und unseren Gemeinden eine ökumenische Offenheit beschert, ohne die unser Leben heute nicht mehr denkbar wäre.

Könnte es sein, dass die vielen Muslime, die jetzt als Flüchtlinge in unser Land strömen, uns als Aufgabe gegeben sind, in diesem Jahrhundert nun auch die Mauer zwischen Christen und Muslimen zu überwinden? Quasi als Gegenmodell zu der Vision der Gotteskrieger des IS: nicht alles kaputt machen, was anders ist als die eigene Gedanken= und Glaubenswelt, sondern gemeinsames Leben wagen im gegenseitigen Respekt voreinander. Der Flüchtlingsstrom nicht nur eine finanzielle und logistische Herausforderung an unser Land, an Europa, sondern eine spirituelle an unseren Glauben?

Uralt ist das Wort des Propheten Jesaja. Vor etwa 2500 Jahren in dem Raum ausgesprochen, wo heute die Menschen aus ihrer Heimat fliehen, um für sich und ihre Kinder eine Lebensperspektive zu haben. Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe in dein Haus. So alt das Wort ist, so aktuell ist seine Wegweisung. Er hat Recht, Papst Franziskus. Wenn jede Gemeinde einer Familie ein Zuhause gäbe, wären die Flüchtlinge von der Straße und wir Christen hätten der Welt ein starkes Zeugnis christlicher Nächstenliebe gegeben. Was die politisch Verantwortlichen natürlich nicht des Auftrags enthöbe, mit allen Kräften um eine Befriedung der Konflikte im Nahen Osten zu ringen, damit die Menschen da bleiben können, wo sie zuhause sind.

 

Ulrike Börsch

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