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SPRUCH des MONATS April

|   Besinnung

Er ist nicht hier

„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“

 

(Lk. 24,5)

Sie hat im Ostergottesdienst gesessen. Es ist einige Jahre her.

Zum ersten Mal war sie wieder in die Kirche gegangen, seit ihr Mann gestorben war. Sie waren ein glückliches Paar, beide zum zweiten Mal verheiratet nach einer gescheiterten ersten Ehe. Sie haben das Leben miteinander genossen, haben sich in ihrer Arbeit gegenseitig unterstützt und sich Raum gelassen für das, was sie nicht miteinander teilten, und das tat ihnen gut.

Dann wurde er krank und starb plötzlich, mitten aus dem Leben heraus. Viel zu jung, um schon gehen zu müssen. Obwohl sie täglich mit dem Sterben zu tun hatte - sie war Bestatterin - war sie auf diesen Tod nicht vorbereitet. Er warf sie in ein tiefes Loch. Da waren nicht nur der Schmerz und die Trauer um den geliebten Menschen, den sie verloren hatte. Sie haderte mit Gott und der Welt, dass ihr helles, glückliches Leben so jäh zerstört worden war. Zunächst war sie unfähig, ihrer Arbeit nachzugehen. Sie mochte dem Tod nicht mehr begegnen, konnte die Toten nicht mehr sehen, die Trauernden nicht mehr trösten. Mal war sie voller Wut und Zorn und dann wieder wie gelähmt und paralysiert. Sie war Profi genug, um sich nach ein paar Wochen in den Griff zu bekommen und ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Aber sie tat es ohne innere Beteiligung, ohne Freude, ohne Gefühl. Auch der Glaube war in ihr wie tot.

Dann kam Ostern. Sie wagte es, in die Osternacht zu gehen. Die dunkle Kirche tat ihr gut. Sie konnte ihren Tränen freien Lauf lassen und gab sich den Worten hin, die gesprochen wurden. Sie hörte nicht genau hin, aber der Klang der Stimmen gab ihr Halt in der Dunkelheit. Dann wurde die Osterkerze hereingetragen. Irgendetwas fing an in ihrem Herzen zu schmelzen, als sich das Licht in den Kirchenraum ergoss und die Menschen sichtbar wurden, die sie umgaben. Es gab ihr das Gefühl, aufgehoben zu sein. Dann hörte sie das Osterevangelium. Sie hörte es, wie sie es nie zuvor gehört hatte. Die Frauen, die zum Grab eilten, das war doch sie! So wie die war sie auch zum Grab ihres Mannes gelaufen! Hatte ihm Blumen gebracht, hatte geweint und mit ihm geredet in seinem Grab. An diesem Ostermorgen konnte sie nicht schnell genug zum Friedhof kommen. Fast lief sie wie die drei Frauen, die zu Jesus Grab eilen. Als sie dann am Grab stand und alles war wie sonst, war sie enttäuscht. Sie hatte wirklich geglaubt, das Grab offen und leer zu finden! Wie im Evangelium, das sie gehört hatte.

„Du wirst verrückt“, schoss es ihr durch den Kopf -  dann fühlte sie sich mit einem Mal ganz leer. Der ganze Ansturm der Gefühle war wie weggefegt. So ging sie nach Hause, legte sich auf die Couch und schlief ein. Sie schlief tief und fest bis zum Mittag.

Als sie aufwachte, stand sie nicht gleich auf, blieb noch eine Weile liegen mit geschlossenen Augen vor sich hin dämmernd, wie im Halbschlaf. Sie sah ihren Mann. Fröhlich und unbeschwert. Er stieg einen Hügel hinauf, um ihn herum ein blühender Frühling. Er war mit Menschen unterwegs, die sie nicht kannte. Er sah sie und winkte ihr lachend zu. Dann drehte er sich um und ging weiter. Sie war mit einem Mal hellwach. Das Bild war fort, aber sie fing an, darin zu lesen. Er hatte Recht. Sie hatte ihn immer im Grab gesucht. In der Nacht und Dunkelheit des Todes. Als sei das, was sie im Augenblick des Abschieds gesehen und empfunden hat, endgültig, als bliebe alles so stehen. Dass im Tod für ihn die Tür in ein neues Leben aufgegangen sein könnte, daran hatte sie nicht gedacht. Sie hatte nur den Riss in ihrem eigenen Leben und Herzen gespürt und den Verlust ihres Glücks mit ihm.

„Er ist auf dem Weg in den Himmel“, dachte sie. „Er ist glücklich und unbeschwert. Mitten in blühendem Leben“. Der Satz des Engels aus dem Evangelium fiel ihr ein: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, es ist auferstanden“.

Hellwach stand sie auf. Draußen schien die Sonne. Sie zog ihren Mantel an und machte einen langen Osterspaziergang. Sie sah, dass frisches Gras grün aus der Erde hervorgesprossen war, sah die Osterschellen gelb in den Gärten blühen. Sie hörte die Vögel zwitschern und die Kinder lachen, die auf der Wiese ihre Ostereier in die Luft warfen. Sie konnte das sehen und hören, ohne in Tränen auszubrechen. Es war Ostern, der Himmel über ihr blau und weit. Und das Grab war leer. Es hielt die Liebe nicht mehr fest, die sie glaubte begraben zu haben. Sie war auferstanden in ein neues Leben.

Nach diesem Osterfest hat sich nicht nur ihr Leben verändert. Auch in ihrem Beruf begegnete sie dem Tod anders. Anders auch den Toten und den Trauernden. Sie sah die offene Tür und stand an der Schwelle. Den einen half sie beim Gehen und den anderen beim Abschiednehmen. Und hier wie dort war für sie Leben. Die Menschen, die mit ihr zu tun hatten, spürten das und es tat ihnen gut.

Ulrike Börsch

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Osterschale mit Osterglocken