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Des Erinnerns wert

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Von der Monarchie zur Republik
– das schicksalsschwere Jahr 1918

Nach mehr als vier Kriegsjahren endete am 9. Novem­ber 1918 der Erste Weltkrieg mit einer sich seit länge­rer Zeit abzeichnenden, doch von vielen nicht für möglich gehaltenen Niederlage. Schon in den letzten Monaten hatte es an etlichen Orten in Deutschland Tumulte und Demonstrationen wegen der katastro­phalen Versorgungslage der Bevölkerung gegeben. Nun meuterten die Matrosen, und die Arbeiter - unter ihnen auch viele zur Fabrikarbeit zwangsverpflichtete Frauen - schlossen sich ihnen an. Die Situation war höchst bedrohlich, sodass das Militär schließlich einem Waffenstillstand zustimmte.

Es folgten der Rücktritt des Kaisers und der Verzicht des Kronprinzen auf die Nachfolge, dann die Flucht ins Exil. In Berlin hatte inzwischen der Sozialdemokrat Friedrich Ebert die Republik ausgerufen, sehnsüchtig erhofft von den einen, gefürchtet und abgelehnt von anderen.

Unter dem Eindruck der heftigen revolutionären Kämpfe in der Garnisonsstadt Hannover schrieb die Vorsitzende des DEF Paula Mueller an die alte Weg­gefährtin Gräfin zu Münster am 16. November 1918 einen Brief, der ihre tiefe Erschütterung zeigt. Für sie und viele andere Frauen, die sich in großer, aufop­fernder Hilfsbereitschaft und unter unglaublichen Strapazen im Nationalen Frauendienst eingebracht hatten, brach verständlicherweise eine Welt zusam­men, und die Weimarer Republik war und blieb 'ungeliebt' in weiten Kreisen des Bürgertums. Paula Mueller schrieb: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich die Ereignisse, wie mich die Abdankung des Kaisers und die Verkündigung der deutschen Republik bis in die tiefste Seele getroffen haben. Sie wissen, wie ich denke, Sie wissen, wofür ich gelebt habe und sie können begreifen, daß ich mich so schnell nicht in die neue Sache finden kann … aber wir werden sie notge­drungen bis zu einem gewissen Punkt ertragen müssen. Was Deutschland groß gemacht hat, ist zertrümmert. Es ist furchtbar, und das schlimmste ist, daß man auch den Glauben an das deutsche Volk verloren hat.“ 

Heute - im Abstand eines Jahrhunderts und nach Öffnung der Archive und in Kenntnis beispielsweise der wahrlich haarsträubenden geheimen amtlichen Wunschliste der Kriegsziele, die damals der Reichs­kanzler formulierte - ist es leicht, aber müßig und wohl auch unfair zu kritisieren, dass die bürgerliche Welt viel zu lange der Obrigkeit, die für den Protes­tantismus gottgewollt und somit nur gut sein konnte, blindlings vertraut hatte und sich nicht vorstellen konnte, dass die sie belog. Kritische Gedanken, wie etwa Käthe Kollwitz sie in ihren Tagebüchern notierte, waren damals noch nicht publiziert und auch ihre zutiefst bewegenden Zeichnungen - etwa 'Hunger' - nicht bekannt. Die Zensur ließ das schlicht und ein­fach nicht zu.

Noch am 2. September 1918 - populistisch am symbol­trächtigen Sedanstag in Szene gesetzt - hatte General­feldmarschall Paul von Hindenburg in einer Kundge­bung zu einer erneuten Kriegsanleihe aufgerufen. Es hieß dort: „Wir haben im Osten den Frieden erzwungen und sind stark genug, es auch im Westen zu tun, trotz der Amerikaner. Aber, stark und einig müssen wir sein!“ Es war die neunte und letzte Anleihe und brachte mehr als zehn Milliarden ein. Ebenso wie die früheren wurde sie nie zurückgezahlt. Das und viele andere Entwertungen führten insbesondere in der bürger­lichen Mittel- und Oberschicht später zu Verarmung und bitterer Not. Der Hinweis auf den Frieden im Osten bewirkte, dass die bürgerliche Welt glaubte, der Bolschewismus sei somit gebannt. Zur Einigkeit aufzurufen, war in der spannungsreichen Situation gewiss opportun, wenngleich unverantwortlich für einen hohen Vertreter des Militärs, der die verzweif­lungsvolle Lage an der Westfront doch genau kannte.

Schauen wir auf den DEF, so stand er vor einer äußerst schwierigen Situation, trug er doch die Verantwortung für viele Menschen, die in seinen Einrichtungen in Lohn und Brot standen. Daher durfte man bei aller persön­lichen Betroffenheit den Kopf nicht in den Sand stecken und tat es auch nicht. Irgendwie musste es weiter­gehen und es gab wahrlich viel, sehr viel zu tun. Da mussten die inneren Spannungen und Turbulenzen zurücktreten. Dass es sie gegeben hat, spürt man in den Ausführungen von Paula Mueller bei der Rück­schau auf diese Zeit. Der Verband habe „ehrlich ge­sucht, sich im Kampf der Zeiten zu bewähren. Daß er als ein Verband deutsch denkender, deutsch fühlender Frauen im Krieg nach besten Kräften seine Pflicht zu tun suchte, war für ihn als national gesinnter Frauenbund selbstverständlich. Ich erwähne es, um keine Lücke ent­stehen zu lassen. Undeutsch wäre es gewesen, wenn wir nicht getan hätten, was wir konnten. Unevangelisch wäre es, wenn wir etwa glaubten, uns damit rühmen zu sollen.“

Der verlorene Krieg bewirkte einen erheblichen Rechts­rutsch im DEF. Begriffe wie vaterländisch, deutsch­national traten in den Fokus und damit der frauen­emanzipatorische Ansatz etwas in den Hintergrund. Die Gesinnungsgemeinschaft zur religiös-sittlichen Er­neuerung schweißte zusammen gegen eine zuneh­mend säkulare Gesellschaft. Die Betonung der protes­tantischen Wertvorstellungen führte zwangsläufig zur Neuorientierung des Verbandes. Neue Richtlinien für die Arbeit wurden formuliert und 1919 vorgelegt. Es lohnt sich durchaus, sie im kommenden Jahr einmal genauer zu analysieren und in ihren Veränderungen zu vorhergehenden zu vergleichen, zeigen sie doch sehr eindrucksvoll die gesellschaftlichen Veränderun­gen auf, aber auch die inzwischen erreichten Mög­lichkeiten der Einflussnahme von Frauen.

In der Festansprache 1919 zum zwanzigsten Jahres­tag seiner Gründung lässt die Vorsitzende diese Zeit­spanne Revue passieren. Einen Ausblick in die Zukunft könne sie nicht geben „in den Tagen der äußersten Ungewissheit“, fügt sie hinzu und fährt fort: „Die Revo­lution hat unser gesamtes Leben von Grund auf umge­staltet. Sie hat neben dem kommunalen Frauenwahl­recht auch das politische Frauenstimmrecht gebracht. Als Recht haben wir es nicht ersehnt. Aber als Pflicht werden wir es ausüben, werden es gebrauchen, um im Sinne der nach unserer Überzeugung eingenommenen Stellung zu wirken. Mögen die Gefahren, die wir mit ihm verknüpft sehen, nicht dazu beitragen, unser schwer getroffenes deutsches Volk weiter abwärts zu führen. Manche Frauenfragen werden durch den mit Stimm­recht verknüpften Eintritt der Frauen in die politischen Parteien entschieden werden, d i e Frauenfrage, die Frage nach dem Wert und dem Recht der Frau nach evangelischen Grundsätzen, kann durch das politische Stimmrecht nicht gelöst werden. … Nicht nur Einzelarbeit für notleidende, bedrückte Frauen wird von uns gefordert werden. Sondern wir werden nach wie vor mit ganzer Kraft suchen müssen, auf die Verhältnisse einzuwirken, um die Not der Frauen, auch innere, geistige und seeli­sche Not, in allen Bevölkerungskreisen zu verhindern.“

Um dies verwirklichen zu können, musste eine inten­sive Mitgliederwerbung angegangen werden und das nun in der Verfassung verankerte aktive und passive Stimmrecht wahrgenommen werden. Dies Engage­ment zieht sich im DEF durch bis in die jüngste Zeit.

Im Jahr 1993, als das Frauenstimmrecht seit 75 Jahren bestand, druckte der DEF in seiner Verbandszeitschrift 'anhaltspunkte' das Vorwort der Bundesministerin für Frauen und Jugend, Dr. Angela Merkel, aus der Bro­schüre 'Durch Wählen mitgestalten' des Bundesminis­teriums für Frauen und Jugend ab. In einem höchst engagierten Appell vor allem an die Enkelinnen heißt es: „Das Wahlrecht ist das vornehmste Recht jedes Staatsbürgers in der Demokratie. … Werfen Sie Ihre Stimme in die Waagschale und beteiligen Sie sich an Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europa­wahlen.“ 

Das gilt auch heute!

Halgard Kuhn

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Paula Müller-Otfried, Quelle: AddF D F1 00060