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Des Erinnerns wert - Die Jugendgruppen des Deutschen Evangelischen Frauenbundes

|   Aktuelles

„Das rechte Dienenlernen, die rechte Tüchtigkeit“

Schon bald nach der Gründung 1899 hatte der Vor­stand des DEF, damals D.E.F.B., die Töchter der gebil­deten Stände für die soziale Arbeit „zu erwärmen und zu gewinnen“ gesucht. Doch der gewünschte Erfolg blieb trotz mehrfacher Werbeaktionen durch Preis­ausschreiben - wohl eine Art Ideenwettbewerb - ohne größere Resonanz. Die Jury habe leider keiner der eingelieferten Schriften den Preis erteilen können, heißt es. So beschloss man, in der Geschäftsperiode 1906/07 diese Bemühungen in den Ortsgruppen mehr und mehr in den Fokus zu stellen. Ab 1908 kam es dann auch vermehrt zu Gründungen evangelischer Jugendgruppen, die sich auf der Generalversamm­lung in Gotha 1912 zum Verband der Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit zusammenschlossen, doch weiterhin dem DEF eng verbunden blieben. Informa­tionsaustausch und beispielsweise der Besuch der sozialen Woche in Berlin 1913 dienten der Weiterbil­dung und Kontaktpflege.

Der Bundesverband bot den Jugendlichen seine Unter­stützung an und führte Vorstandskurse für ihre Mit­glieder durch. Ab 1916 erschien dann eine eigene Zeitschrift 'Werden und Wirken', in der die Jugendli­chen selbst über ihre Aktivitäten unterrichten konn­ten, was sie mit viel Begeisterung taten. Herausgeberin über viele Jahre war Friede Rothig (1892-1985), eine ehemalige Schülerin der Christlich-Sozialen Frauen­schule des DEF, später dort als Dozentin und seit 1914 Reisesekretärin des Verbandes und über viele Jahre Leiterin des Wohlfahrtsamtes der Stadt Hannover.

Initiatorin der Jugendarbeit und über viele Jahre als 2. Vorsitzende im Vorstand des Verbandes der Jugend­gruppen für soziale Hilfsarbeit war Selma Gräfin von der Gröben (1856-1938), Pionierin auf vielen Gebieten der Fürsorge. Sie hatte 1901 den Vorsitz der Orts­gruppe Hannover übernommen, als Paula Mueller Bundesvorsitzende wurde. Die mannigfachen Aktivi­täten der Ortsgruppe dokumentieren eindrucksvoll ihr soziales Engagement. Möglicherweise erkannte Gräfin Gröben bei der Teilnahme am Internationalen Frauenkongress im Juni 1904 in Berlin, dass es galt, den jungen Menschen nicht vorrangig die von ihnen erwartete Pflicht aufzuzeigen, sondern ihnen die posi­tiven Aspekte eines nützlichen Mitgestaltens in der Gesellschaft zu verdeutlichen. Zutiefst beeindruckt schildert sie in ihrem Bericht über den Kongress eine Veranstaltung für junge Mädchen zum Thema 'Die heranwachsende Jugend und die Frauenbewegung'. „Ein großer Saal war dazu bestimmt, zwei wurden bis auf den letzten Platz gefüllt, so daß die Rednerinnen, Frl. Alice Salomon und Frl. Gertrud Bäumer, zweimal sprechen mussten. Das rechte Dienenlernen, die rechte Tüchtigkeit wurden der Jugend warm ans Herz gelegt. Die erwachte Jugendsehnsucht sei nicht durch untätiges Warten auf ein 'Märchen-Glück', nur durch treue Pflichterfüllung im Beruf zu stillen, da erblühe das Glück ungesucht.“ Nach den Referaten traten einige junge Mädchen auf, die über ihre per­sönlichen Erfahrungen in verschiedenen „kleinen Liebesdiensten“ berichteten und dies als große Berei­cherung für sie selbst darstellten. So beschließt Gräfin Gröben ihren Bericht mit folgenden Worten: „Mit großer Freude und mit leisem Neid erfüllte mich diese Versammlung: Wie hätte ich unsern jungen Mädchen diese Anregung, dieses Interesse gewünscht!“

Warum fanden die Bemühungen um Jugendgruppen im DEF zunächst kein positives Echo? Die sozialen Probleme waren riesengroß, doch für die bürgerliche Welt gehörte die Frau ins Haus und nicht in die Öffentlichkeit. Das galt als unschicklich, und Frauen durften nicht einmal als Zuhörerinnen an Versamm­lungen mit politischem Kontext teilnehmen. Die Beteiligung der Frau an den sozialen Aufgaben der Gegenwart war, wie es Paula Mueller in einem Vor­trag 1908 erläutert, „ein durchaus modernes Thema, und es betrifft ein Problem, das durchaus in unserer Zeit begründet liegt, das ganz und gar aus den Ver­hältnissen unserer Tage hervorgegangen ist“, doch für viele noch sehr fremd sei. Zudem meint sie, sei das Wort 'sozial' noch nicht überall wohlgelitten und werde „namentlich in Frauenkreisen häufig mißver­standen“ und mit „sozialistisch oder sozialdemokra­tisch“ gleichgestellt, was in bürgerlichen Kreisen nega­tive Wirkung hervorrufe. Viel zu viele Frauen und Töchter der gebildeten Stände stünden den „Bedürf­nissen und Empfindungen des Volkes kalt gegenüber“ und hätten „kein Verständnis für das, was unser Volk bewegt und beschäftigt“, weshalb „ihnen daher die Volksseele fremd“ bleibe.

Die Gründung der Christlich-Sozialen Frauenschule und der Jugendgruppen waren nach dem Ersten Welt­krieg für den DEF der aus den Zeitproblemen sich ergebene praktische Weg, um die Notwendigkeit sozialer Arbeit anzugehen und durch gründliche Ana­lysen einen Wandel anzustoßen. Immer wieder hat der DEF darauf verwiesen, dass es dringend notwen­dig sei, dass auch die Frau in der Moderne die wirt­schaftlichen Zusammenhänge und ihre gesellschaftli­chen Konsequenzen erkennen und dementsprechend mitgestalten sollte: „Die theoretische und praktische Arbeit der Jugend, unserer jungen Mädchen nach absolvierter Schulzeit ist darum unbedingt anzustre­ben, denn nur durch theoretisches Eindringen in die Verhältnisse können sie für diese Aufgaben reif werden. Und nur das gründliche Studium und die praktische Anschauung von dem, was die Wechselfälle des Lebens, die Krankheit, die Arbeitslosigkeit bedeu­ten, von dem Wert der vorbeugenden Fürsorge, kann unsere Jugend für die Arbeit reif machen. … Werden die Frauen so vorgebildet und mustern sie dann mit aufmerksamem Blick die sie umgebenden Verhältnisse, so müssen sie erkennen, daß die Lage unserer arbei­tenden Klasse trotz der großen, anerkennenswerten Verbesserungen der letzten Jahrzehnte, trotz unserer fürsorgend eingreifenden sozialpolitischen Gesetzge­bung noch gehoben werden muß.“

Es kann in der Rückschau gar nicht oft genug betont werden, dass der DEF damals eine höchst moderne und in die Zukunft weisende Arbeit leistete. Wer in frühen Frauenbiographien über die Langeweile, die Unzufriedenheit der jungen Mädchen über ihre er­zwungene Untätigkeit liest, kann ermessen, welches Glück jene empfanden, denen hier neue Möglich­keiten eröffnet wurden. Auch die Freizeiten wurden mit großer Freude und Begeisterung angenommen.

Der Erste Weltkrieg hatte viele weitere Arbeitsfelder gebracht und außerdem die jungen Menschen in eine besondere eigenständige Verantwortung gestellt. Die Nachkriegszeit brachte für manche wirtschaftliche Not und zwang mehr und mehr zur beruflichen Tätigkeit, bei der die zuvor gesammelten Erfahrun­gen nutzbringend einfließen konnten. Viele der Mit­glieder der Jugendgruppen traten später automatisch dem DEF bei. Aber die christliche Jugendarbeit wurde schon früh durch die Nationalsozialisten und den Zwang, in den BDM einzutreten, torpediert. Zum 1. Januar 1937 sah sich der Deutsch-Evangelische Ver­band sozialer Jugendgruppen, wie er sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nannte, gezwungen, sich korporativ dem DEF einzugliedern. Damit war er de facto aufgelöst.

Um „Not zu lindern, Tränen zu trocknen, Zerbroche­nes aufzubauen“, hatten zu Beginn des Jahrhunderts viele Jugendliche aus bürgerlichen Kreisen und dem Adel die soziale Hilfsarbeit aufgenommen in christ­licher Verantwortung für den Nächsten, den Schwa­chen, den Not leidenden Menschen. Sie stellten ihre Arbeit „gegen Widerstände und Anfeindungen“ in einer zunehmend säkularen Welt unter das Evange­lium, wählten als Abzeichen, das sie als Bekenntnis verstanden, das Kreuz auf dem Unendlichkeitszei­chen und als Verbandsspruch: Lasset uns aber rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus.“ (Eph. 4,15).

Halgard Kuhn

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Quelle: AddF Kassel
Kopf der Zeitschrift "Werden und Wirken"
Quelle: AddF Kassel