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Des Erinners wert - Marie Deneke (1857-1926)

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Marie Deneke war eine jener starken und zugleich demütigen Frauen, die sich zu Beginn des 20. Jahr­hunderts im DEF zusammenfanden, um Verantwor­tung in der Gesellschaft zu übernehmen. Sie taten das in einer Zeit, wo der Weg in die Öffentlichkeit für Frauen noch recht ungewöhnlich war. In vielen Eltern­häusern galt es als unschicklich, wenn die Töchter sich außerhalb des Hauses engagierten oder gar zu Wort meldeten, wie es Elisabeth Gnauck-Kühne (1850-1917) mit ihrem Referat über die soziale Lage der Frauen 1894 in Erfurt getan hatte. Einem aufgebrachten Kolle­gen gegenüber soll der Hofprediger Adolf Stoecker damals geäußert haben: „Lässt man Frauen in die öffentlichen Versammlungen erst los, dann werden Weiber zu Hyänen. Und emanzipierte Hyänen gelten für noch schlimmer als afrikanische oder asiatische.“ 

Stärke und Demut scheinen nicht gut zusammenzu­gehen, sondern sich zu widersprechen. Doch im neu­testamentlichen Sinn verstanden, bedeutet Stärke etwas anderes: „Wir, aber die stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selbst haben.“ Eine Stärke, die zugleich Demut und Sanftmut meint: „Haltet fest an der Demut“, schreibt Paulus, und schon beim Propheten Micha heißt es, wir sollen „demütig sein vor unserem Gott.“ In dieser Doppelfunktion des Herrseins und des Dienens gründet die Freiheit eines Christenmenschen, wie Luther es in seinem Brief an den Papst 1520 ausführte. Denn der Dienst am Nächsten gründet in der Liebe, die aus dem Glauben kommt und für Männer und Frauen gleichermaßen gilt.

Sich einsetzen für die weniger privilegierten Schwes­tern, ihnen bessere Lebensbedingungen, bessere Bil­dung und Ausbildung zu ermöglichen, war der Antrieb für die Frauen des DEF. So kam es im Januar 1902 zur Gründung der Ortsgruppe in Celle. Zu den Initiatorin­nen gehörte Marie Deneke, Chanoinesse (Stiftsdame, Anm.d.Red.) im nahegelegenen Kloster Wienhausen, die sich zur Ersten Vorsitzenden wählen ließ. Sie war die Tochter eines früh verstorbenen Majors, die sich als Älteste von sieben Geschwistern immer wieder um diese und die kranke Mutter hatte kümmern müs­sen. Dann hatte sie eine Ausbildung in der Haushalts­führung und anschließend in Hannover ihr Lehrerin­nenexamen abgelegt, war einige Jahre in Frankreich und in England als Erzieherin tätig gewesen, bis sie aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf aufgeben musste. Als sie sich später erholt hatte, entsprach es ihrem „sozialen Empfinden“, ihre Kräfte einzubringen, wo sie Not und Hilfsbedürftigkeit sah. Über etliche Jahre leitete sie selbst Flick- und Nähkurse und koor­dinierte als Vorsitzende die mannigfachen Aktivitäten der Ortsgruppe. Später als sie die Kommission für Rechtsschutz des Bundesverbandes übernahm, die sie von 1909 bis 1919 leitete, gab sie den Vorsitz in der Ortsgruppe ab, blieb aber zunächst als stellvertre­tende Vorsitzende im Vorstand.

In vielen Ortsgruppen wurden damals Rechtsschutz­stellen für Frauen eingerichtet, die stark in Anspruch genommen wurden. In einem Informationsblatt heißt es: „Es ist bekannt, daß die Frau aus dem Volk bei ihrer meist völligen Unkenntnis der Gesetze oft un­recht leidet und Schädigungen und Gefahren aller Art ausgesetzt ist. Bei der übergroßen Scheu vor der Berührung mit Behörden wagt sie es oft nicht, die zur Erlangung ihres Rechts nötigen Schritte zu tun.“ Hier wollte man unentgeltlich Rat und Hilfe geben. Diese freiwillige Beratung durch Frauen erfuhr jedoch auch heftige Kritik und entsprechenden Protest von Rechts­anwälten, die darin eine Konkurrenz fürchteten. „Die Rechtstätigkeit pfusche den Juristen ins Handwerk, sei eine Art Winkelkonsulenz und entziehe ihnen Klien­ten.“ Dabei übersahen die Protestler, dass eben diese Klientel finanziell überhaupt nicht in der Lage ge­wesen wäre, die Honorare zu zahlen. In einigen Orten stellten sich aber auch Anwälte den Frauen unent­geltlich zur Verfügung. In Hannover richtete man auf Anregung des DEF eine Schiedsstelle ein, die im Vor­feld zu vermitteln suchte.

Schon 1908 hatte Marie v. Cleve, damals Leiterin der Rechtskommission des DEF, im vom Verband heraus­gegebenen 'Handbuch zur Frauenfrage' die schwieri­ge Situation durch die unterschiedlichen gesetz­lichen Regelungen in den verschiedenen Ländern innerhalb des Deutschen Reiches dargestellt und eine Vereinheitlichung angemahnt. Da der DEF reichs­weit arbeitete, drängte er auf diese Änderung. Er for­derte ferner eine Beachtung und Wahrnehmung von Frauen in der Gesetzgebung. Die Frauen wollten sich nicht weiterhin als 'einbegriffen' oder 'mitgemeint' sehen. Marie v. Cleve wies eindringlich darauf hin, dass in den Verfassungen der Einzelstaaten der Frauen nur sehr selten gedacht werde - rühmliche Ausnahme sei die bayerische Verfassung, hingegen werde die Frau in der Reichsverfassung nicht einmal erwähnt. Erstaunlich offene Worte in einer Zeit, in der das preußische Vereinsrecht Frauen nicht einmal die Teil­nahme an Veranstaltungen mit politischer Thematik erlaubte. 

Die Leitung der Rechtskommissionen war sehr arbeits­intensiv. Viele Neuregelungen standen an. Der DEF, der in seiner praktischen Arbeit auf viele Defizite und Mängel aufmerksam wurde, erarbeitete Petitionen und machte Eingaben, die zu Verbesserungen und Änderungen führen sollten. Sie vorzubereiten und zu formulieren gehörte zu den Aufgaben der Kommis­sionsvorsitzenden. In einer Notiz von Paula Mueller heißt es zu Marie Deneke, ihr scharfer Verstand habe auch die schwierigsten Fälle erfasst, und dann habe sie das Gesetz oder einen Entscheid in ihrer unbeirr­baren Weise vorgetragen.

Viele rechtliche Neuregelungen standen im Ersten Weltkrieg an, andere Reformvorschläge und Revisio­nen durften nicht weiter geführt werden, da die ge­setzgeberische Arbeit der Regierung und Volksvertre­tung, welche sich nicht auf den Krieg bezogen, ruhen mussten. So auch die Arbeiten an den Reformen zurückgestellt wurden, teilte Marie Deneke in ihrem Rechenschaftsbericht 1915/16 nach Hannover mit. Gemeint waren die von ihr erarbeiteten Reform­vorschläge, die in der Broschüre 'Frauenwünsche zur Reform des Reichs-Strafgesetzbuches' schon im Jahr 1912 vom DEF vorgelegt worden waren und nun ruhten.

Der Bericht nennt ferner Beiträge für die Fachzeit­schrift und Vortragsthemen zu folgenden Themen: Die Vertretung der Frau im Staatsleben – Über die Namensgebung bei Annahme an Kindesstatt durch Witwen – Klärung der Frage der Versorgung der un­ehelichen Kriegswaisen – Abänderung des Fürsorge­erziehungsgesetzes – Einschränkung der Schankkon­zession – Kinderschutz. Hinzu kamen eine umfang­reiche Korrespondenz und der Versand von Rund­schreiben und Informationsmaterial.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gab Marie Deneke die Kommissionsarbeit nach einem Beschluss des Bundesvorstands schweren Herzens auf, aber auch sie sah für die bislang ehrenamtlich eingebrachte Mitarbeit keine Chance mehr, da die „Umwälzung eine so umfassende und tiefgreifende Veränderung aller Verhältnisse herbeigeführt, daß es wiederum un­möglich erscheint, die Arbeit von Neuem anzuneh­men. Die Schnelligkeit mit der die weittragendsten Gesetzentwürfe zur Annahme gelangen, läßt uns Laien gar keine Zeit die Entwicklung der einschlägigen Fragen zu verfolgen und Stellung dazu zu nehmen.“ Eine sehr andere Zeit war angebrochen.

Doch noch einmal zurück ins Jahr 1911, in dem der Bundesvorstand des DEF beschloss, zur eigenen Ent­lastung und zur engeren Berücksichtigung der Inte­ressen der verschiedenen Landesteile Landes- und Provinzialverbände ins Leben zu rufen; es waren stolze 16. Zur Vorsitzenden des Niedersächsischen Verbandes war Marie Deneke gewählt worden, und somit war sie kraft dieses Amtes seither auch im Bundesvorstand aktiv. Als sie zur Äbtissin von Wien­hausen gewählt worden war, gab sie „wegen Ueber­häufung mit Klosterverwaltungsarbeiten und sehr geschwächter Gesundheit“ die Ämter auf, blieb aber dem Verband weiterhin eng verbunden.

Halgard Kuhn

 

 

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Broschüre "Frauenwünsche zur Reform des Reichs-Strafgesetzbuches"