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Frauen wählen – doch wozu? 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland

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Schon im Sommer 2017 vor der Bundestagswahl riefen die ersten Verbände die „100 Jahre Frauenwahlrecht“ aus. Tatsächlich ist das Jubiläum erst Ende 2018 oder gar Anfang 2019 zu feiern: Im November 1918 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Abdankung des Kaisers wurde das Frauenwahlrecht Gesetz. Und im Januar 1919 konnten die Frauen in Deutschland erstmals von ihrem aktiven und passiven Wahlrecht Gebrauch machen. In Bayern fanden die ersten für Frauen zugelassenen Wahlen sogar schon eine Woche eher statt, da der Bayerische Landtag vor dem Reichstag gewählt wurde.

Frauen waren jahrzehntelang von Vereinen und dem Besuch politischer Versammlungen ausgeschlossen gewesen. Das Wahlrecht war jedoch nur eine Forde­rung der Frauenbewegung. Damit hoffte man sich gezielter für die eigenen Anliegen einsetzen zu können. 1902 gründeten die erste deutsche Juristin Anita Augspurg zusammen mit Lida Gustava Hey­mann und Minna Cauer den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht. Sie taten dies in Hamburg, wo das Vereinsrecht traditionell liberaler war und Frauen diese Möglichkeit bot. Ein Werben für die Sache des Frauenstimmrechts war möglich, aber im ständischen und sich auf den Krieg rüstenden Kaiserreich war es nicht zu erlangen.

Der Erste Weltkrieg endete mit der Revolution, und mit ihr kam im November 1918 die Verordnung, die den Frauen das aktive und passive Wahlrecht zuge­stand. Frauen haben sich an den ersten Wahlen in der Weimarer Republik begeistert zu 82 Prozent beteiligt und haben auch Mandate errungen. Bei den Reichs­tagswahlen am 19. Januar 1919 kamen 37 Frauen von 423 Abgeordneten ins Parlament, das ist ein Frauen­anteil von 8,7 Prozent. 

Die erste sogenannte „Weimarer“ Republik war von vielen Menschen nicht gewollt und nicht getragen. Dieser Demokratie, urteilte die Geschichtsforschung, fehlten die Demokraten. Der auf sie folgende National­sozialismus hatte Frauen aus hohen Positionen in den häuslichen Bereich verdrängt, und das änderte sich auch in der Nachkriegszeit in der jungen Bundesre­publik nicht. Dabei hatte die Juristin Elisabeth Selbert es 1948/49 - unterstützt von den Frauenverbänden - erreicht, die Gleichberechtigung als ein Grundrecht im Grundgesetz zu verankern. Doch wurde erst mit dem Einzug der Grünen in den Bundestag wieder ein Frauenanteil von über 8 Prozent erreicht, wie es ihn im ersten Reichstag der Republik gegeben hatte!

Was soll uns das eigentlich heute sagen?

Populismus und fake news erschüttern das Vertrauen in Politik, und ihre Urheber ziehen Vorteile daraus. Gleichzeitig sinkt der Frauenanteil in den deutschen Parlamenten. Damit Frauen ihre eigenen Anliegen wirksam im Parlament vertreten können, sollten aber mehr Frauen Abgeordnete sein. 

Das Bündnis „Parité - Mehr Frauen in die Parlamente!“ versucht, mit juristischen Mitteln eine Änderung der Wahlrechte zu einer Listenaufstellung mit gleich viel Frauen und Männern und eine möglichst gleiche Repräsentanz im Parlament zu erreichen. „Frauen wählen Frauen“, diese Aktionen der Frauenverbände machen stets vor Wahlen Frauen auf ihre Möglichkei­ten aufmerksam, mit der Zweitstimme bei der Land­tagswahl im eigenen Regierungsbezirk eine Frau zu wählen oder in der Kommunalwahl Frauen nach vorne zu häufeln.

Nach Jahren einer gewissen Wahlmüdigkeit und Inte­resselosigkeit oder bestenfalls Protestwahl scheint das Bewusstsein, als Bürgerinnen und Bürger etwas für die Demokratie tun zu müssen, bei vielen Menschen im Augenblick wieder gewachsen. Das Mindeste ist, von dem Wahlrecht, für das so viele Menschen Jahr­zehnte gekämpft haben, auch Gebrauch zu machen. Und Frauen können sich an den mutigen Streiterin­nen für das Frauenwahlrecht von vor 100 Jahren ein Beispiel nehmen und sich für ihnen wichtige Fragen einsetzen. Und überzeugende Frauen als Wählerin unterstützen. So wird der Staub vom Jubiläum ge­nommen und Energie für die Demokratie heute daraus gewonnen!

Dr. Bettina Marquis

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Deutscher Bundestag Berlin
Paula Müller-Otfried, Quelle: AddF D F1 00060