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"Goldrausch der Daten" - Die (un)heimliche Macht der Datenkraken

|   Aktuelles

Der Mediendialog von Evangelischer und Politischer Akademie Tutzing widmete sich Big Data. Daten zu sammeln und zu fusionieren und auf dieser Basis Ent­scheidungen zu treffen, ist künstlicher Intelligenz schon vollautomatisch möglich. So gibt es bereits die Versuche autonomen Autofahrens bei GOOGLE und Tesla oder einen gedankengesteuerten Rollstuhl. Die Unternehmerin Yvonne Hofstetter machte deutlich, dass die Daten, die gesammelt werden, dem gehören, der sie erhebt. Mit der Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen z.B. bei Facebook gibt man seine Daten an den Konzern ab. Technologiegiganten gestalten unsere Gesellschaft und „wir machen mit. Mit moder­nen Smart-Geräten und sozialen Netzwerken kaufen wir „die totale Überwachung“. Wir alle verwandeln „unseren Alltag in einen Riesencomputer“.

Lernalgorithmen folgen im Vernetzen von Informati­onen den gleichen Lernmechanismen wie Menschen, stellte Prof. em. Klaus Mainzer von der TU München fest. Neurochemische Verschaltungen des menschli­chen Gehirns lassen sich schon heute am Computer simulieren. Im Automobilbau wird so am lernfähigen neuromorphen Automobil gearbeitet, ähnlich funktio­nieren Smart Cities und Smart Grids (Energieversorgungssysteme). Künstliche Intelligenz wird zu einem milliardenschweren Markt.

Deutsche zahlen - anders als ihre europäischen Nach­barn - noch immer sehr viel in bar. In Deutschland ist das Mobile Payment via Smartphone noch nicht an­gekommen und über ein Dreiviertel der Deutschen kauft nie im Internet ein. Dennoch sind laut Dr. Bernd Hochberger von der Stadtsparkasse München bar­geldlose Systeme auf dem Vormarsch. Neben Paypal und der Kryptowährung Bitcoin gibt es neu die Fotoüberweisung via Smartphone, Kwitt (Überweisung von Smartphone zu Smartphone) und Paydirect. Im nächsten Jahr planen Sparkasse und Volksbanken die Einführung von YES, einem Internetausweis zur Iden­tifizierung bei Online-Einkäufen.

Überall werden Daten gesammelt: Kundenkarten, Um­fragen, Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser, Gewinnspiele, Banken, Ämter, Smart-Zahnbürsten, -Müll­eimer, -Schaufensterpuppen, -Autos, Wearables (z.B. Fitnessarmbänder, Kleidung), im Flugzeug und im Wald (Tierüberwachungskameras). Digitale Datenquellen sind Kameras, Internet und Smartphones. Der Datenschutzexperte Marcus Morgenroth veranschau­lichte die Dimension: Sammelte man bis 2003 erst fünf Milliarden Gigabyte an Daten, so wird diese Menge heute in wenigen Minuten erzeugt. Der welt­weit größte Datenhändler ist Acxion, die Firma liefert extrem detaillierte Profile. Im Gesundheitswesen ist der größte Datenhändler IMS Health, der in Deutsch­land mit 2500 Ärzten und 23 Prozent der Apotheken zusammenarbeitet und über 140.000 Fitness-, Medizin-, Gesundheits-Apps und Wearables als Datenquelle hat. Aus den gesammelten Daten lassen sich eine Vielzahl an Merkmalen einer Person herauslesen, wie beispielsweise Stresslevel, Alter, Charakter, ethnische Zu­gehörigkeit, Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit, Ver­trauenswürdigkeit, sexuelle Orientierung, Konsum von Suchtmitteln, Gemütsverfassung, psychopathische Ver­anlagung und vieles mehr.

 

Informationelle Selbstbestimmung bedroht

Abschließend diskutierten Bundesministerin a. D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Dr. Constanze Kurz, Chaos Computer Club und Netzpolitik.org, der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar und der Wissenschaftler PD Dr. Thomas Zeilinger über Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie in einer digitalisierten Welt. Alle sehen die informatio­nelle Selbstbestimmung bedroht. Die Demokratie und Freiheit sind in Gefahr, wenn Algorithmen eingesetzt werden, um bewusst falsche Informationen zu streuen. Eine große Gefahr für den kommenden Bundestagswahlkampf sind social bots (Software, die Informatio­nen postet), die voraussichtlich alle Parteien in An­spruch nehmen werden. Der „Goldrausch der Daten hat unsere Gesetze nicht außer Kraft gesetzt“, so Kurz. Gesellschaftliche Werte, Normen und Grund­rechte müssen unter ökonomischen Bedingungen wieder geltend gemacht werden, das Problembewusst­sein der Menschen muss geschärft werden ebenso wie das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen und der Unternehmen.

Sabine Jörk, EAM-Vorsitzende

 

Den ausführlichen Tagungsbericht können Sie auch auf der EAM-Homepage nachlesen unter eam.def-bayern.de

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Disskusionsrunde mit Schwanebeck, Morgenroth und Mainzer
Diskussionsrunde v.l.r. Schwanebeck, Morgenroth, Mainzer; Quelle: Akademie für Politische Bildung, Tutzing