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„Hurra, die Frau mit den Tablets ist da“

|   Aktuelles

Tablet-Projekt der EAM in der Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen an der Willy-Brandt-Allee in München

Im Frühsommer dieses Jahres trat Katharina Friderich vom Sozialdienst für Flüchtlinge und Asylsuchende der Inneren Mission in der Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Menschen in München mit der Sorge an uns heran, dass die Kinder in der Unterkunft unkontrolliert und übermäßig mobile Medien konsumieren würden und gleichzeitig mit der Anfrage, ob wir hier medienpädagogisch tätig werden könnten. Daraufhin traf ich mich mit dem Sozialdienst der Unterkunft und wir beschlossen, in den Sommerferien zwei Tablet-Kurse für Kinder im Alter von sechs bis dreizehn Jahren anzubieten, in denen den Kindern die Möglichkeiten für einen sinnvollen Umgang mit mobilen Endgeräten sowie mit digitalen Spielen aufgezeigt werden.

Surfen, chatten, spielen, raten, malen, Filme sehen

Der erste zweieinhalbstündige Workshop mit dem Thema: „Surfen, chatten, spielen, raten, malen, Filme sehen – Internetseiten für Kinder kennen lernen und ausprobieren, sicher surfen lernen“ fand am 28. August nachmittags statt. Der Andrang bei den Kindern war immens, sie waren bereits zwei Stunden vorher schon vor Ort und fragten immer wieder, wann denn die Frau mit den Tablets endlich käme. Die Unterkunft hat seit Ende Juli 2017 einen Freifunk, weshalb angedacht war, diesen mit unseren zehn Tablets zu nutzen. An diesem Tag aber war es sehr heiß und eine Stunde vor Projektstart fiel der Freifunk aus. Man versuchte zwar dieses Problem zu beheben, aber letztendlich funktionierte er immer nur für wenige Minuten und fiel dann gleich wieder aus. Die Kinder ertrugen das mit unwahrscheinlicher Geduld. Da in den fünf Minuten von der Einrichtung entfernten Riem Arcaden ein öffentliches W-LAN-Netz vorhanden ist, beschloss ich, das Projekt dorthin zu verlegen. Weil aber 14 Kinder an dem Projekt teilnehmen wollten, musste noch schnell eine zweite Aufsichtsperson gefunden werden, eine Praktikantin des Sozialdienstes übernahm dankenswerterweise diese Aufgabe.

Aber auch in den Riem Arcaden hatten wir zunächst mit erheblichen W-LAN-Problemen zu kämpfen, auch hier fiel das Netz nach wenigen Minuten aus. Netterweise machte uns ein Jugendlicher auf den Telekom Hotspot aufmerksam und begleitete uns dorthin. Mittlerweile waren auch noch zwei weitere Kinder aus der Unterkunft gekommen. Nun konnten die Kinder und ich endlich mit dem Projekt starten, allerdings musste ich alleine alle zehn Tablets einloggen, da keines der Kinder die geringste Ahnung hatte, wie man eine Internetverbindung mit einem öffentlichen Netz herstellt. Netzprobleme hatten wir jetzt keine mehr. Dafür aber zeigte sich ziemlich schnell, dass die Kinder auch erhebliche Probleme im Umgang mit den Tablets hatten. Das fing bereits bei der Handhabung bzw. Bedienung an. So kannten nur zwei Kinder die Bedeutung der Anwendungstaste, Home-Taste und Zurück-Taste. Auch bei der Eingabe von Internetadressen haperte es bei fast allen Kindern.

Mit Hilfe des Kinderangebots Klick-Tipps Net Top 100 sollten die Kinder gute und geprüfte Webseiten für Kinder kennenlernen und ausprobieren. Fast alle Kinder benötigten Hilfe bei der Eingabe der URL. Da sie viel zu schnell über die Seite wischten und hektisch einfach irgendetwas anklickten und dann statt auf „Zurück“ immer die Home-Taste drückten, musste immer wieder von vorne begonnen werden. Die Kinder sprachen zwar alle gut Deutsch, aber beim Lesen hatten sie noch große Probleme. Aus diesem Grunde wandten sie sich ausschließlich Unterhaltungsangeboten zu und hier vor allem Spielen. Aber auch hier waren sie kaum erfolgreich, da die meisten nicht wussten, wie sie ein Online Spiel starten können. Und selbst, wenn man ihnen gezeigt hatte, wie das funktioniert, katapultierten sie sich immer wieder durch irrtümliches Drücken der Home-Taste aus dem Spiel. Es zeigte sich somit ganz deutlich, dass die Kinder über keine ausreichende Anwendungskompetenz mobiler Geräte verfügten, weshalb dies in dem Workshop erstmal erlernt werden musste. Dennoch waren die Kinder voll Freude und Engagement dabei und bedauerten es sehr, dass der Workshop in ihren Augen so schnell vorbei war. Nachdem alle Kinder auch am zweiten Workshop teilnehmen wollten, durften sie Wünsche hinsichtlich der digitalen Spiele, die in diesem zum Einsatz kommen sollten, äußern.

Strategie, Abenteuer, Jump’N’Run, Quiz, Sport, Autorennen

Der zweite zweieinhalbstündige Workshop mit dem Thema „Strategie, Abenteuer, Jump’N’Run, Quiz, Sport, Autorennen – digitale Spiele für Kinder kennenlernen und ausprobieren, Fallstricke erkennen und vermeiden lernen“ fand am 1. September 2017 in der Unterkunft statt. Aufgrund der Erfahrungen beim ersten Workshop hatten wir sechs Tablets mit SIM-Karten ausgestattet. Diesmal funktionierte auch der Freifunk einigermaßen. In einem winzigen Containerraum mit Sitzgelegenheit für sechs Kinder quetschten sich zwölf Kinder zusammen und freuten sich unbändig über die je 12 für Mädchen und Jungen im Vorfeld auf den Tablets installierten Spiele, die sie nur vom Hörensagen kannten. Die Spiele waren entsprechend den Empfehlungen der Datenbank gute Apps für Kinder des Deutschen Jugendinstituts ausgewählt. Mittlerweile konnten die Kinder die Tablets bereits gut bedienen, aber sie hatten erhebliche Probleme beim Vorwärtskommen in den Spielen, vor allem wenn Anweisungen textbasiert waren. Somit benötigten sie immer wieder Unterstützung und waren dafür auch überaus dankbar. Aufgrund ihrer hohen Unsicherheit bewegten sich die Kinder ausschließlich im ausgewählten Spiel, gaben keine Daten von sich preis oder klickten auf Werbung bzw. kostenpflichtige Erweiterungen. Auch hier ging ihnen die Zeit viel zu schnell vorüber und sie wünschten sich, dass ich doch von nun an jeden Freitag zu ihnen kommen möge. Aus diesem Grund entschieden wir uns für einen dritten Workshop in den Herbstferien.

Spielen, Surfen, Ausprobieren – sicherer Umgang mit Tablets

Der dritte zweieinhalbstündige Workshop mit dem Thema „Spielen, Surfen, Ausprobieren – sicherer Umgang mit Tablets“ fand am 3. November 2017 in der Gemeinschaftsunterkunft statt, diesmal waren acht Tablets mit SIM-Karten ausgestattet und bei zwei wurde der Freifunk – diesmal ohne Probleme – genutzt. Für den Workshop stand uns der Abstellraum für die Kinderwägen zur Verfügung mit sieben Sitzgelegenheiten für zehn Kinder. Erschwerend kam hinzu, dass der Raum nicht von uns allein genutzt werden durfte, sodass immer wieder Erwachsene den Raum für ihre Mobilfunknutzung aufsuchten und den Kindern die Sitzgelegenheiten wegnahmen. Die Kinder behalfen sich, in dem sie sich in die stabileren Kinderbuggys setzten.

Den Kindern standen je 24 unterschiedliche Apps, ausgewählt aus der oben genannten Datenbank, für Mädchen und Jungen zur Verfügung, wobei die Kinder fast alle nur Spiele- oder Film-Apps nutzten. Ein Mädchen machte fast nur Lern-Apps mit einer überdurchschnittlichen Ausdauer und Begeisterung, ein 14-jähriger Junge spielte ausgiebig ein Spiel für Mädchen, in welchem man Fingernägel designen kann. Hinsichtlich der Nutzung von Filmen wurde deutlich, dass die Kinder kaum Filmtitel kannten und daher auch keine attraktiven finden konnten. Lediglich zwei Mädchen kannten „Bibi & Tina: Mädchen gegen Jungs“, den dann auch die Jungen sich teilweise ansahen.

Insgesamt waren in allen drei Workshops mehr Jungen als Mädchen vertreten (9:5; 8:4; 6:4), hinsichtlich der Altersgruppen waren alle gleich verteilt dabei. Die Kinder verfügen über eine noch sehr rudimentäre Medienkompetenz und haben hier noch hohen Schulungsbedarf. Somit werden wir auch in den Weihnachtsferien zwei Workshops anbieten, einen Fotowettbewerb und einen Filmdrehtag mit Unterstützung einer Studentin der sozialen Arbeit, die bereits Erfahrung im Umgang mit geflüchteten Kindern und auch Medien hat.

Das Projekt hat mir bisher sehr viel Spaß gemacht, da die Kinder mit so viel Freude und Begeisterung mitgemacht haben, manche den ganzen Tag am Containerfenster hingen und auf mich bzw. die Tablets warteten. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung in den nächsten Ferien.

Sabine Jörk, EAM-Vorsitzende

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Kinder übern auf dem Tablet