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Ist das wirklich wirklich? Kinder und Jugendliche trennen nicht zwischen digital und real

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Zum achten Mal tagte die Evangelische Arbeitsge­meinschaft Medien in Kooperation mit der Akademie für politische Bildung Tutzing im Arvena Kongress Hotel am 28. April 2018 in Bayreuth. Unter der Mode­ration von Dr. Michael Schröder und Sabine Jörk wur­de der Frage nachgegangen, ob „Smombies“ - eine Kunstwortbezeichnung für Menschen, die wie willen­lose Zombies auf ihr Smartphone starren – tatsäch­lich gefährlich leben.

Vanessa Jakob (Projektkoordinatorin der Studie BLIKK- Medien) und Andrea Kirfel (wissenschaftliche Mitar­beiterin im Institut für Medizinökonomie und Medizi­nische Versorgungsforschung der Rheinischen Fach­hochschule Köln) stellten die Studie BLIKK (= Bewälti­gung, Lernverhalten, Intelligenz, Kompetenz, Kom­munikation) Medien 2017 vor. Sehr ausführlich wurde die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen anhand von Grafiken aus der KIM, JIM und Bitkom dargestellt. Aus diesen wurde dann die Ausgangs­frage für eine Vorstudie in Nordrhein-Westfalen im Jahre 2014 abgeleitet: „Warum verlieren sich Men­schen in virtuelle Welten?“. Eine Antwort auf diese Frage konnte diese Vorstudie offensichtlich nicht geben, denn der Medienfragebogen musste laut eigenen Angaben „angepasst“ werden. Nach einer ausführlichen Beschreibung der Methode der Studie BLIKK Medien folgten die Ergebnisse, die zwar statis­tisch signifikante Zusammenhänge zwischen Medien­nutzung und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern aufzeigen, aber keine kausalen. Immer wieder wiesen die beiden Wissenschaftlerinnen darauf hin, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ seien, es sich um eine Querschnittstudie handle, sprich eine einmalige Be­fragung, und eine Langzeitstudie erforderlich wäre, um diese Zusammenhänge genauer zu erforschen. Die Präsentation der Ergebnisse entsprach 1:1 der mit der Pressemitteilung 2017 veröffentlichten und bot somit leider inhaltlich nichts Neues oder gar Klären­des. Interessant war allerdings, dass bei den als ge­sund geltenden Nutzungszeiten Empfehlungen der BZgA von 30 Minuten Grundlage waren, Empfeh­lungen, die an der Realität der Kinder völlig vorbei gehen. Unklar blieb auch, warum die Smartphone­nutzung der Mutter beim Füttern zu Bindungsstörun­gen führt oder warum die Hyperaktivität von vor allem Jungen mit dem Alter der Kinder abnimmt, wenn doch bekanntermaßen die Smartphonenutzung zunimmt. Auch konnte nicht die Frage beantwortet werden, warum Jungs mehr Verhaltensauffälligkeiten zeigen als Mädchen bei gleicher Fernseh- und Smartphone­nutzung. Zum Schluss sei noch angemerkt, dass ein großer Kritikpunkt an der Studie ist, dass man hier nur die Nutzungszeiten erfragt hat und nicht die Inhalte, die genutzt werden!

Kinder werden in die heutige Welt und Gesellschaft hineingeboren, sie unterscheiden nicht zwischen na­türlich und künstlich, sondern interessieren sich für die gesamte Welt, so der Medienpädagoge Hans-Jürgen Palme (Studio im Netz – SIN), der im An­schluss referierte. Wir Erwachsenen sind immer der Ansicht, Kinder sollten es sich bis zum sechsten Lebensjahr „gut gehen“ lassen, und dabei weiß man längst, dass Kinder bis sechs Jahre am meisten lernen und vor allem alles kennen lernen wollen. Anhand eines kurzen Videos demonstrierte Palme die Medienentwicklung der letzten Jahre. Gemäß der Erkenntnis „Spielen ist beste Form der Aneignung“ von Wissen lud Palme die Anwesenden zu einem interaktiven Frage-Antwort-Spiel auf Kahoot.com ein. 19 Teilnehmer stellten sich via Smartphone den 10 Fragen zu Medienkenntnissen und Medienbildung. Medienbildung ein Leben lang und Medienkritik von Anfang an, eine Unterscheidung zwischen digital und real ist nicht sinnvoll, so der Medienpädagoge.

 

Kritisch hinterfragte Palme die Überwachungsmetho­den der sogenannten Helikoptereltern und veran­schaulichte, warum Medienerziehung in Kindertages­stätten heutzutage unerlässlich ist. Medienbildung funktioniert über den Umgang mit Medien, und Medien werden idealerweise in sozialen Kontexten genutzt. Gemäß dem Medienkompetenzmodell von Baacke haben Kinder grundsätzlich die Möglichkeit, den richtigen Umgang mit Medien zu lernen. Zum Schluss seines sehr lebendigen und äußerst informa­tiven Vortrags zeigte Palme noch einige Beispiele aus der Arbeit mit Tablets in Kindertagesstätten.

Nach der Mittagspause hatten die Teilnehmenden eine Stunde Zeit, auf 16 Tablets Spiele und Apps für Kinder selbst auszuprobieren. Lediglich ein Teilnehmer hat die Möglichkeit nicht wahrgenommen, alle ande­ren nutzten die volle Zeit auch wirklich aus.

 

Nicole Rauch (medienpädagogische Referentin am Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis - JFF) startete ihren Vortrag mit einem zum Titel ihres Vortrags passenden Video der YouTuber „Die Lochis“ aus dem Jahre 2013 „Durchgehend Online“. Anhand eines grafischen Modells versuchte Rauch aufzuzeigen, dass auch Jugendliche nicht zwischen real und digital unterscheiden: Amazon ist der Buchladen, Ebay der Einkaufsladen etc. Sie betonte die Rolle der kommerziellen YouTuber als neue Idole der Jugendlichen. Genannt wurden LeFloyd, Bibi, Julien Bam und Gronkh. Zur Veranschaulichung zeigte sie ein Video von Julien Bam „Sommer Trickshots“ und ein Let‘s Play von Gronkh zu „Minecraft“. Rauch wies ausdrücklich darauf hin, dass diese YouTuber alle ihr Publikum in die Videos miteinbeziehen, indem sie dem Publikum immer wieder sagen „ihr entscheidet“, wie es weiter geht. Auch bei digitalen Spielen ist vor allem das Zusammenspielen mit anderen von hoher Bedeutung. Anhand einer Befragung von Jugendlichen zu sozialen Netzwerken des JFF wurde deutlich, dass Jugendliche zwar kritisch, aber nicht immer kompetent diese einschätzen können. So zum Beispiel wird Instagram sicherer als WhatsApp und Facebook eingeschätzt. Jugendliche müssen von Eltern und Pädagogen aufgeklärt werden und Tipps für einen risikoarmen Umgang mit Medien bekommen.

 

Den persönlichen Mehrwert von Medien kann man nur dann erkennen, wenn man sie nutzt, so Prof. Dr. Herbert Kubicek (Stiftung Digitale Chancen, Universität Bremen) im Anschluss. Ältere Menschen ab 70 Jahren haben große Datenschutz- und Sicherheitsbedenken und vor allem eine geringe Selbstwirksamkeit. Kubicek zeigte sehr anschaulich anhand einer aktuellen Studie der Digitalen Stiftung, welche Angebote für Senioren tatsächlich Gratifikationen bieten. Interessanterweise spielen Frauen und Männer gleich häufig auf Tablets, aber nicht dasselbe! Bisherige Maßnahmen, wie Technikbotschafter oder Volkshochschulkurse, reichen nicht aus, um Senioren die Angst vor den neuen Technologien zu nehmen. Stattdessen brauchen sie dauerhafte Unterstützungsangebote, die man in Seniorentreffs, Senioren- und Pflegeeinrichtungen ansiedeln könnte.

Sabine Jörk, EAM-Vorsitzende

Wir danken der Akademie für politische Bildung Tutzing für die Fotos

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