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Des Erinnerns wert

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Der Lette-Verein in Berlin
– seit 150 Jahren Ausbildungsstätte für Frauen

Gewerbliche Berufsfachschule, Schülerinnen der Ausbildungsrichtung Fotografie beim Schriftunterricht, um 1950

In seinen Lebenserinnerungen erzählt der Berliner Arzt und Schriftsteller Max Ring (1817-1901) von einem im Jahr 1864 „nach Tische“ gemachten Spaziergang im parkähnlichen Garten des Gastgebers, bei dem es zu einem Gespräch mit dem Präsidenten Wilhelm Adolph Lette (1799-1868) über einen Beitrag im von Ring redigierten 'Volksgarten' gekommen war. Dieser Beitrag „Ueber das Loos der unverheiratheten Mädchen“ hatte „mit vielem Geiste die Mängel unserer weiblichen Erziehung“ und die daraus „entspringende Noth der unversorgten Töchter“ aufgezeigt, „ohne jedoch mit den gewöhnlichen Phrasen die sogenannte Frauenemancipation zu fordern“.

Der Gastgeber war Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), der engagierte Vertreter des liberal-sozialen Genossenschaftsgedankens. So waren die Herren, die sich alle schon lange mit der sozialen Not in der Industriegesellschaft beschäftigten und um Besserung der Verhältnisse bemühten, sich schnell einig, dass etwas zur Beseitigung „dieser in die Augen springenden Uebelstände“ geschehen musste.

In einer Denkschrift, die bald nach dem Treffen erstellt und dem 'Centralverein für das Wohl der arbeitenden Classen' vorgelegt wurde, schilderte man die Situation, machte Verbesserungsvorschläge und lud zu einer Versammlung am 15. Dezember 1865 ein, an der „eine große Anzahl angesehener Männer und Frauen betheiligt war“. Notabene – auch Frauen! Weitere Detailbesprechungen folgten, und schon am 26. Februar 1866 konstituierte sich 'Der Verein für Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechts', zu dessen Vorsitzenden Präsidenten Lette gewählt wurde. „Seinem bewunderungswürdigen organisatorischen Talente, seiner angesehenen Stellung und persönlichen Liebenswürdigkeit, seinem milden, humanen Wesen und seiner versöhnenden Natur gelang es auch, alle Schwierigkeiten und Vorurtheile zu besiegen und dem Vereine zahlreiche Gönner und Freunde zu erwerben“, schreibt später Max Ring. Das Protektorat übernahm die Kronprinzessin Victoria, die sich in der Gründungsphase sehr engagiert einbrachte und mit dem von ihr initiierten Victoria-Stift eine weitere Institution ins Leben rief. Hier fanden in Berlin in Ausbildung stehende Erzieherinnen und Künstlerinnen eine preiswerte Unterkunft.

Später entstanden zahlreiche Kontakte und Treffen zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch zwischen dem Lette-Verein und DEF, der von den langjährigen Erfahrungen bei der Mädchenbildung und -ausbildung von der Berliner Institution bei seinen Schulgründungen in Weimar und Hannover profitieren konnte. Auch besuchten viele spätere DEF-Mitglieder die dort angebotenen Kurse.

Die heutige Frauenforschung kritisiert gern die Dominanz von Männern bei der Gründung. Sie übersieht dabei die positive Auswirkung auf den beruflichen Einstieg von Frauen in völlig neue Berufsfelder bei Handel und Gewerbe, Bank- und Wechselgeschäft, Post- und Fernmeldewesen, Verkehrsbetrieben, aber auch auf den vielen Gebieten der medizinisch-technischen Berufe. Auch die ersten Photographinnen erhielten hier ihre Ausbildung. Eine besonders wichtige und sehr erfolgreiche Einrichtung war zudem das „Arbeitsnachweisbureau, in dem vielen ein dauerndes Unterkommen vermittelt werden konnte oder zumindest eine vorübergehende Beschäftigung“. Hier bestand ferner eine Prüf- und Kontrollstelle, die auf gute Ausführung der vermittelten Aufträge und eine angemessene Entlohnung schaute, ferner bei einer Existenzgründung von Frauen durch günstige Kredite half.

Lassen wir Max Ring noch einmal zu Wort kommen, der über das Haus der Berliner Frauen schrieb: „In dieser Weise wirkt der Letteverein nach allen Seiten und mit allen Kräften für die Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts, die keineswegs mit der sogenannten Emancipation der Frauen verwechselt wer­den darf. … Sein Streben ist von der reinsten Humanität beseelt, sein Ziel die echte und einzig wahre Emancipation der Frau durch Arbeit, Bildung und Sittlichkeit.“

Der Begriff Emanzipation hatte für die bürgerliche Welt eine absolut negative Konnotation. Nur wer sich davon distanzierte, hatte die Chance, die liberale, protestantische, auch konservativ denkende Gesellschaft mit ihrem damals stark ausgeprägten Klassenantagonismus zu Spenden für eine Berufsausbildungsstätte für Frauen gewinnen zu können. Bildung und Ausbildung galten als das Zauberwort liberaler Bürgerkreise. So hoffte man, eine handwerklich qualifizierte Arbeiterschaft zu Bürgern zu machen – und eben auch die Frauen und Mädchen für eine liberal-nationale Bewegung zu gewinnen. Auch diesen Ansatz vertrat der DEF mit seinem Engagement für die Fabrik- und Heimarbeiterin später.

In den Vorstand wurde als einzige Frau Jenny Hirsch (1829-1902) als Schriftführerin gewählt. Sie hat den Verein ganz wesentlich mitgestaltet. Im Jahr zuvor war sie Mitglied im Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) in Leipzig geworden und hatte mit Louise Otto-Peters die Redaktion der Vereinszeitschrift 'Neue Bahnen' übernommen. Seit ihrer Jugend war sie eine Frau der Feder, die Schriftstellerin werden wollte. Zu ihren Aufgaben im Lette-Verein gehörte außer dem Protokollieren der Vorstandssitzungen die Erstellung der Jahresberichte, das Beantworten von Anfragen und Briefen, der Kontakt zur Presse, das Formulieren von Petitionen, die Organisation von Basaren und vieles mehr. Sie war nach siebzehn Jahren die wohl am besten über die Entwicklung des Vereins informierte Persönlichkeit, wie man noch heute in der von ihr aus Anlass des 25-jährigen Bestehens verfassten Festschrift ersehen kann.

Jenny Hirsch war ferner Herausgeberin der Zeitschrift 'Der Frauen-Anwalt' vom 'Verband deutscher Frauenbildungs- und Erwerbsvereine'. „Dieses Blatt kann als Chronik aus dem Frauenleben von 1870-1881 betrachtet werden“, schrieb Lina Morgenstern (1830-1909), denn hier wurde zur Frauenfrage aus vielen Ländern berichtet. So unterhielt Jenny Hirsch ein eindrucksvolles Netzwerk für Frauen und zur Förderung der Rechte der Frau weit über Deutschland hinaus.

Zusammen mit Lina Morgenstern, der Initiatorin der Berliner Volksküchen 1866, gab Jenny Hirsch von 1887 bis 1892 die 'Deutsche Hausfrauen Zeitung - Wochenschrift für die gesamten Interessen der Frauenwelt' heraus. Beiträge von ihr, die aus einer streng orthodoxen Familie kam, findet man auch in der 'Allgemeinen Zeitung des Judentums', dem Organ des liberalen Judentums, dem sie sich verbunden fühlte.

Jenny Hirsch hatte seit früher Jugendzeit nach Unabhängigkeit gestrebt und durch ihre unter männlichen Pseudonymen veröffentlichten Texte und Übersetzungen ihren Lebensunterhalt verdient. So übersetzte sie 1869 die in England erschienene Kampfschrift 'The subjection of women' von John Stuart Mill (1806-1893) ins Deutsche. Ein Buch, das überall zu heftigen, kontrovers geführten Diskussionen führte. Es ging um den Erhalt des Wahlrechts und um die rechtliche Gleichberechtigung der Frau, die er bereits in einer Petition vergeblich gefordert hatte. Jenny Hirsch übersetzte nicht, wie heute meist zu lesen mit 'Die Unterwerfung', sondern mit 'Die Hörigkeit der Frau'. Da schwingt etwas wie Aufforderung an die Frau um Einmischung und um eigenes Engagement mit. Schon bald folgte eine zweite Auflage, der sie eine „Kurze Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Frauenfrage“ voranstellte.

Auf John Stuart Mills Buch stößt man in der Literatur oft, die verdienstvolle erste Übersetzerin wird hingegen kaum genannt, ebenso wenig ist von der Mitarbeit bei der Entstehung des Werkes von Mills Ehefrau, der früh verstorbenen Frauenrechtlerin Harriet Taylor Mill (1807-1858), die Rede, obwohl er selbst im Vorwort und später in seinen Lebenserinnerungen nachdrücklich auf ihren großen Einfluss und ihre Mitarbeit hinwies. Das Ehepaar hatte gemeinsam drei wichtige Publikationen erarbeitet und damit den schönen Beweis angetreten, dass partnerschaftliches Miteinander möglich und befruchtend für einen gesellschaftlichen Wandel sein kann.

Halgard Kuhn

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